- 93. Print-Ausgabe, Winter 07/08
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- Mehr Frau?
Warum müssen Lesben immer so männlich aussehen?
Irma schaut mich an, als sei ich vom Planeten Venus gefallen.
In dieser Geräuschkulisse aus Musik, Gläserklirren
und Stimmengewirr glaubt sie wohl, sich verhört zu haben.
Aber was ich in diesem Nachtklub sehe, beschämt meine Augen.
Ist es denn immer noch verpönt, liebe Irma, dass frauenliebende
Frauen ihre Reize zeigen? Oder gibt eine den Kleidergeschmack
an der Garderobe ab, wo er schon nach der vorletzten Party vergessen
wurde?
Also wirklich, Mette! Du weinst doch nicht Stöckelschuhen
nach, auf denen du dir die Haxen brichst? Oder engen Röcken,
in denen du nicht durchatmen kannst? Über Nierenbeckenentzündungen,
Rückenprobleme und verkrüppelte Füße will
ich gar nicht reden, schreit Irma gegen die Musik an.
Müssen wir unseren Sexappeal verleugnen wie Angela
Merkel oder gar Madeleine Albright? Das haben wir doch nicht
nötig, brülle ich im Takt des Refrains. Kleider
machen Leute. Zumindest war das so bis heute. Meine Stimmbänder
vibrieren. Liebe Irma, mit einem leckerem Ausschnitt könnte
jede hier im L-Club die Hauptrolle in einem Liebesfilm spielen.
Weißt du, Mette, die meisten Frauen, ganz gleich,
mit wem sie ins Bett steigen, meiden alles, was traditionell
als sexy gilt. Auch Hetis kleiden sich zweckmäßig
und konservativ. Sie fühlen sich in gedeckten Farben ernster
genommen und glauben, Kompetenz auszustrahlen.
Irma macht einem Pärchen den Weg zur Bar frei und fährt
dann fort: Spontan fallen mir etliche Frauen ein, die sich
den angeblich ,lesbischen Kurzhaar-Anzug-Unisex-Stil zugelegt
und ihre sexuelle Präsenz aufgegeben haben. Anke Fuchs,
Ursula Lehr und auch James Bonds Chefin Judi Dench. Vertreterinnen
dieses Typus gibt es unendlich viele. Vor allem im beruflichen
Umfeld.
Damit kann sie bei mir nicht punkten. Während Irma und ich
die Disko verlassen, um nicht endgültig heiser zu werden,
argumentiere ich weiter.
Schneid dir bitte diesen altmodischen feministischen Zopf
ab, liebe Irma! Heutzutage zeigt das Outfit, was eine beruflich
erreichen will. Und das ist nun mal nicht Sexbombe, jedenfalls
nicht in der Frauenszene. Gepflegte Kleidung ist ein Symbol für
Erfolg. Aber warum sollten wir uns nicht herausputzen wie Segolène
Royal? Auch wenn sie doch nicht Präsidentin von Frankreich
geworden ist.
Sie wäre Staatspräsidentin, wenn sie sich nicht
als Frau in Szene gesetzt hätte. Wer traut einer mit langem
Haar und soviel Charme wie Make-up Macht und Selbstbestimmung
zu? Niemand! Weder Mann noch Frau, sagt Irma. Aber
was hast du eigentlich gegen Frauen in Männerkleidern? Ich
sage nur: Marlene!
Der Einwand sitzt: Die Dietrich im Maßfrack war umwerfend
erotisch. Und ihr war es gleich, wenn Fremde wegen eines Paars
langer Hosen glaubten, sie sei ein Kerl.

Irma hat Recht: Wer Frauen nur wegen der Kleidung nicht von Männern
unterscheiden kann, braucht eine Brille gegen Kurzsichtigkeit
im Hirn. Sich an überkommene Sichtweisen zu halten, ist
echt öde. Trotzdem: Warum geizen mit den Reizen?
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- Unsere Kolumnistin Sandra Wöhe wurde
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als Tochter einer Indonesierin und eines Holländers 1959
in den Niederlanden geboren. Sie ist diplomierte Krankenschwester
und ausgebildete Publizistin. In Zürich lebt sie nach freiberuflicher
Tätigkeit als Journalistin und Redakteurin seit 1999 als
selbstständige Autorin. Romane: Lass mich Deine Pizza
sein und Giraffe im Nadelöhr.
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