108. Print-Ausgabe, Herbst-LUST 2011
 
Karlas Rundschlag:
Homophobie: Üble Nachrede

Homophobie äußert sich in Gewalt, ist auch in anderen Formen Gewalt. Doch heutzutage gibt es Leute, die sich modern und aufgeschlossen vorkommen, die aber ihre Homophobie nur anders ausleben. Mir geht es hier um die üble Nachrede als eine besonders hinterhältige Form von homophober Gewalt.

Dass ich als Trash-Transe allerhand einzustecken habe, könnt Ihr Euch sicher vorstellen. Nicht nur von solchen Leuten, die ihre klaren Männer- und Frauenbilder haben, sondern eben auch von Leuten, die ihre klaren Transenbilder haben.

Und im übertragenem Sinne geht es so auch allen Schwulen und Lesben. Die Leute, die nicht offen über Schwule und Lesben hetzen, die hetzen oft über „diese Lesbe da“ oder „den einen Schwulen“ da. Dies trifft besonders engagierte Lesben und Schwule, weil sie den homophoben Leuten auf die Nerven gehen.

Gelegentlich kommt ihnen dabei in den Sinn, dass wir auch hier und da mal Sex haben könnten. Na und da kann man/frau ja wirklich viel erzählen usw. „Die läuft mit einer Frau rum, die mindestens 20 Jahre älter oder jünger ist als sie selber“, oder „der natürlich. Der alte Sack da, der hat mich doch tatsächlich angemacht, indem er mir gezeigt hat, was es für Schwulenseiten im Internet gibt, denn da waren auch nackte Schwänze zu sehen. Auch seiner“.

Tatsächlich, macht Dich das an? Das ist aber interessant. Aber wusste er denn, dass Dich das anmacht, wars also seine Absicht?

Zuerst einmal, falls er Dir wirklich die Schwulenseiten gezeigt hat: Ist das Anmache Dir gegenüber, wenn Du zu sehen bekommst, wie unbekümmert schwule Männer oftmals miteinander umgehen im Gegensatz zu Dir, wenn sie auf Kontaktsuche sind?

Und wenn er Dich tatsächlich anmachen wollte, warum soll er denn nicht? Er ist doch ein schwuler Mann und so hässlich siehst Du ja nun auch nicht aus. Oder? Es wäre doch auch beschämend für Dich, wenn kein schwuler Mann weit und breit an Dir interesse hat.

Also Du hast allen erzählt, dass Dich dieser eine schwule Mann anmachen wollte, weil Du das so gewertet hast. Und dadurch erhältst Du von den richtigen und aufgeklärtesten Freunden Lob und sie reagieren deinen Wünschen entsprechend:
„Na, so einen wollen wir aber hier nicht haben“, sagen seine Zuhörer und schließen damit Gespräche und Diskussionen mit ihm völlig aus.

Also: üble Nachrede kann so sein, dass frei erfunden wird, oder dass das alltäglichste des schwulen Lebens dazu benutzt wird, weil Heten ja zuerst einmal den Mond ansehen, bevor sie an Sex denken, oder dass die Geschichten etwas verbogen erzählt werden, das könnte von den anderen dann anerkannt werden.

Wenn also irgendwelche Geschichten über lesbische Frauen oder schwule Männer in Euren Reihen mit roten Ohren erzählt werden, dann denkt daran, dass hier eine reale Lesbe, ein realer Schwuler, eine realer Transmann oder eine reale Transfrau einfach fertiggemacht wird und dass das eben auch Homophobie ist, nur hinterhältiger, als sie einfach direkt zusammenzuschlagen. Das Zusammenschlagen hätte aber nicht so viel applaus. Besser ist die Stimmung gegen ihn.

„Das hat er sich selber zuzuschreiben, das hast sie aber verdient usw.“, urteilen dann diese Ankläger, Staatsanwälte, Richter und Henker, tun entsetzt und freuen sich dabei, haben ihren Spaß. Ob die Nazis auch ihren Spaß hatten, wenn sie damals Stories über Schwule und andere von ihnen verfolgte Menschen erzählten? Dieser Vergleich ist nicht angemessen, weil Ihr ja Antifas oder andere Linke seid? Oder weil Ihr vielleicht lesbische oder schwule FreundInnen habt oder selber lesbisch oder schwul seid?

Ja, das muss man auch erst einmal begreifen, wenn man in eine Szene kommt, dass man auch hier IdiotInnen treffen kann, denen es eine Lust ist, andere, die sie aus irgendeinem Grund nicht mögen, durch verbales Aufspießen sozial vernichten wollen. Solche Leute quatschen solche Sachen immer dann, wenn ihr Opfer es gerade überhaupt nicht gebrauchen kann und die erzähler dann gut dastehen.

Also, ich lasse es mir anmerken, was ich von solchen homophoben oder transphoben Leuten halte. Was sie tun, das ist nämlich überhaupt nicht lustig. Sicher, ich bin dann Spaßverderber und mit mir kann man auch gar nicht reden und ich habe gar keinen Humor, sagen sie.

Was hältst Du eigentlich von lesbichen Frauen, die in heterosexuellem Umfeld über Lesben und über Schwule rumhetzen? Was hältst Du von schwulen Männern, die um anzukommen ebenso handeln? Nun gut, nicht viel, wie ich höre. Und warum tun die das? Aus Angst vor der Hetenmoral oder vor Euch?

Das fragt Euch Eure Tante Karla
 
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