- 107. Print-Ausgabe, Sommer-LUST 2011
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- Immer nur Krimis?
Ich hatte die konkret 4/2011wieder weggelegt, kam jetzt grade
nicht zum Lesen längerer Artikel, doch ein Titel von S.
62 ging mir noch nach, nämlich der, den ich hier unten abgebildet
habe, und zwar wegen der Aussage, die in der Überschrift
steckte. Der Artikel stellte sich als eine Buchbesprechung und
gab zum Thema selbt wenig her.
Innerhalb dieses Artikels fand ich nur ein Zitat aus einem Buch
jenen Autors, aus dem die Überschrift dieses Artikel stammt.
Das Zitat befindet sich in dem hier von mir zitierten Teil des
Artikels von Jochen Stremmel über Thomas Pynchon: Auch
auf literarischen Gebiet lässt sich übrigens eine Tendenz
erkennen, die Doc im Kino und im Fernsehen konstantiert, nämlich
dass die hohe Zeit seines Berufsstands vorbei ist: Früher
gab´s diese ganzen tollen alten Privatdededektive - Phillip
Marlow, Sam Spade, Jonny Staccato, der Schnüffler aller
Schnüffler, immer schlauer und professioneller als die Cops,
und immer klären sie am Ende das Verbrechen auf, während
die Cops falschen Spuren folgen und blöd im Weg rumstehen.
Ganz anders 1970 - und wenigstens daran hat sich in den letzten
40 Jahren nichts geändert -, wo man bloß
noch Cops sehe, die Glotze ist randvoll mit
scheiß Copfilmen, alles Pfundskerle, die nur ihren Job
machen wollen, und die Freiheit von irgendwem bedrohen tun sie
genauso wenig wie irgendein Dad in einer Sitcom.
Nun gut, die Cops, die er meint und die ihn stören, bedrohen
in der Realität die Freiheit. Und das kann ich nachvollziehen,
nämlich in der Zeit, als der § 175 StGB noch galt,
bedrohten durchaus Polizisten die Freiheit von schwulen Männern.
Heute hat sich da was geändert, zumindest zum Teil. Was
den § 175 StGB betrifft, den gibts seit 1994 nicht mehr,
und in manchen Stadtteilne kann man seine Freund umarmen, wenn
Polizisten in der Nähe sind.

Dennoch: ist es wahr, dass die ganze Glotze voll von Copfilmen
ist? Ja, muss ich sagen, jeden Abens sind auf fast allen Sendern
solche Filme. Und sind es andere Filme, dann sind es verkleidete
Copfilme, denn ob es der Sherrif ist, der in Amerikas Trockenzonen
rumreitet oder der Käpten eines Raumschiffes,
es scheint immer das gleiche zu sein. Und immer ist es das Vertrauen
in die Staatsorgane, die mit vermittelt werden.
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- Am Nachmittag dann die Gerichtssendungen
der Privaten, wo die Richterin schon mal die eine oder andere
originelle Äußerung gegen frauenfeinliche Kriminelle
zum Besten gibt oder der Richter, der immer noch ein paasendes
Zitat hinterherschickt, wenn der wirklich böse Mensch endlich
die Strafe erhält, die er mindestens verdient.
Kohl hatte sich ja mal beschwert, Ihr erinnert Euch? es gab mal
einen Bundskanzler mit dem Namen Kohl, dem gefile es gar nicht,
dass die Bösen in den Krimis allzu oft Besserverdienende
waren. Das sei unerträglich. Heute hat sich hier auch die
geistig-moralische Wende, Kohl, vollzogen. Nicht
überall aber doch recht oft.
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- Die Bösen, das sind doch recht oft die
Sozialhilfebetrüger (heißt ja jetzt Harts IV), die
so arm nicht sind, wie sie tun. Ihnen gebührt kein Mitgefühl.
Eher den tapferen Männern und Frauen, die ihnen auf die
Schliche kommen sollen.
Und ob auch Privatdedektive unter-wegs sind und nicht nur Polizisten?
Im Fernsehen sind es eher Polizisten, die übrgens stets
von ehrlichen und religionsgläubigen Schauspielern gespielt
werden, so wird es z.B. bei Sat1 später in der Nacht gezeigt.
Also da kann man doch überhaupt nur Gutes von ihen denken,
wie von den Polizeirollen, die sie spielen.
Was die Romane betrifft, die ich hier und da vorzustellen habe
und zum Teil auch tatsächlich sehr interessant finde, selbst
bei den Verlagen, die am Fließband Softpornos verlegen,
hat sich der Krimi als gern gelesene Literatur durchgesetzt.
Das sind zwar Krimis aus den 60er Jahren, vielleicht auch den
50er Jahren, wo auch Privatdedektive die Fälle lösen,
aber das macht keinen Unterschied zu den Polizisten, die sind
beide gut und mutig und helfen uns in allen Fragen, kommen manchmal
sogar mit ins Bett.
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- Zumindest bei den schwulen Männern.
Naja, bei den Lesbenromanen eigentlich auch.
Wie kommt es denn nur, dass der Krimi in der Lesben- und Schwulenunterhaltung
auf dem Vormarsch ist? Warum wird gerade dies so gerne gelesen?
Eine Zeitlang waren es die Naturvölker (Rote Männer
auf grünen Matten), die des Lesers einsame Nächte versüßten.
Jetzt also sind es die Krimis.
Undwenn man sich das durch und durch hetige Progamm in Fernsehen
näher betrachtet, dann ist es nicht mehr der SF oder der
Traum über das Leben der Naturvölker, sondern immer
wieder der Krimi.
Nun, der Traum über die sexlustigen Naturjünglinge,
die den älteren Män-nern aus Europa bei irgendwelchen
Schwierigkeiten so lustvoll und gerne behilflich sind, der ist
ausgeträumt. Dass die Stricher sind, in den Touris-tentreffpunkten,
das ist unterdessen klar geworden. Und dass im Weltall überall
Krieg statt Liebe ist, das wissen wir auch aus den entsprechenden
Serien. Weder Kirk noch Spok oder Pille könnte ich mir im
zartlichen Flirt mit einem schönen Mann aus dem Weltall
vorstellen. Und der krasse Kapitalismus der Ferengi lässt
auch alle Träume schwinden. Viel-leicht könnte man
ja das Holodeck schwulentauglich machen.
Immerhin, der Krimi aus der Lesben- und der Schwulenszene ist
offensichtlich in der Lage, Umsätze zu machen. Da versucht
zwar nicht der schwule Mann in den 50er oder 60er Jahren ein
bisschen Lebensglück zu erleben, trotz polizeilicher Verfolgung
und Überwachung, trotz neugieriger Nachbarinnen und solchen
Freunden, denen es eher um Geld ging statt um Freundschaft,
und gerade dann konnte man nicht auf die Polizei rechnen. Ein
socher Krimi wurde noch nicht geschrieben, vielleicht aber auch,
weil die Leute noch leben, die das erlebt haben und weil sie
dem Autor erklären könnten, was da alles falsch war.
Was verlockt die nachwachenden LeserInnen am Krimi? Welche Sehnsüchte
werden da erfüllt? Das ist ja nicht nur in unserer Szene
so, aber eben auch.
Ist es die Sehnsucht nach einem gerechten Staat, der für
alle und für alles sorgt? Der Staat als großer Bruder,
als Partner, der das macht, was wir so gerne machen würden,
wenn wir es könnten? Jemand, der sich für uns schlägt,
der es den Mistkerlen und boshaften Ludern mal zeigt, wo es langgeht?
Und wir können uns hier nur einen guten Staat vorstellen,
verkörpert durch menschliche Polizisten, die auch selber
mal Grenzen überschreiten, die gegenüber den Verbrechern
auch mal ungesetzlich vorgehen, wie die Staatsanwältin in
The Closer, die alle hinter Gitter bringt (und die
werden besonders mies geschildert), indem diese ihr vertrauen
und sie so auch so ziemlich alle Rechte der Inhaftierten missachtet.
Das ist uns dann recht, wenns die Richtigen trifft.
Aber wenn es real zum Beispiel um die Aufkärung von Morden
an schwulen Männer geht, erfährt man, dass in den Krimis
alles Schein ist. (js)
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