95. Print-LUST, Sommer 08
 
Potenzmittel
Ein Interview mit dem befreundeten Wiesbadener Apotheker Matthias Havenith über die Vorteile und Gefahren von Viagra und seine/ihre Brüder. Die Fragen stellte Joachim.
 
Joachim: Der Grund weshalb ich dich nach sogenanten Potenzmitteln frage, ist ein Gespräch beim CSD Frankfurt über dieses Thema an unserem Infostand gewesen. Eine Reihe von Männern sind am Stand stehen geblieben und wollten mehr wissen. Wobei ich denke, dass es doch mehr Männer gibt, die diese Mittel benutzen bzw. auch benötigen. Es scheint doch bei uns ein Tabu zu sein, darüber zu sprechen.

Matthias: Dass das bei uns ein Tabu wäre, möchte ich nicht so sagen. Es ist nicht nur auf die Schwulenszene begrenzt. Männer haben allgemein Probleme über intime Sachen zu reden. Die Frauen gehen doch offener ran an solche Fragestellungen.

Joachim: Das ist im Widerspruch zum Szeneverhalten. Männer reden dort offener über ihre Sexualität und die meisten Frauen eher über die Sexualität anderer.

Matthias: Vielleicht im Freundeskreis. Ich sehe das eher professionell. Kaum jemand spricht in diesem Zusammenhang über sich. Sie sagen zum Beispiel: Ein Freund hat ein Problem ...

Joachim: Ich bin auch auf dieses Thema am Infostand aus persönlichen Gründen gekommen. Ich habe bei spontanen Sexkontakten mit jungen Leuten bemerkt, dass ich zunehmend größere Anlaufzeiten benötige als früher, die den jüngeren Männern, die ältere suchen, zu lang dauerten. Passive Typen haben solche Probleme in solch einer Situation wohl nicht. Das alles habe ich dann beiläufig dem Hausarzt gesagt, der mich dann zum Urologen geschickt hat. Der untersuchte, ob es einen körperlichen Grund gibt, dass es unter bestimmten Umständen manchmal nicht so recht klappt, was nicht der Fall war. Ich empfinde es als ein Problem des Umgnags miteinander. Er sagte dann: Das passiert bei eben bei Männern, die älter werden, dass die Erektionsfähigkeit nachlässt. Es hat mir nicht gefallen, solch eine Antwort zu bekommen.

Matthias: Ich kann das statistisch bestätigen. Es gibt Untersuchungen darüber, sowie USA als auch Europa, dass Männer zwischen 40 – 60 Jahren in über 50 Prozent Erektionsprobleme haben.

Joachim: Und über 60?

Matthias: Über 60 wird es wahrscheinlich noch zunehmen. Die ganzen Potzenzimittel sind bei Männern bis zu 90 Jahren getestet worden.

Joachim: Der Urologe wusste, das ich blutdrucksenkende Mittel nehmen muss und hat mir dann eine Probe eines Mittels mitgegeben. Ich solle das ausprobieren und dann mit dem Hausarzt sprechen. Ich habe die dann in einer Situation genommen, wo ich mit schnellen Sex ohne größere Anlaufzeit rechnen musste und es funktionierte dann. Das Problem ist, dass man es eine viertel bis halbe Stunde vorher nehmen muss. Man kann es nicht spontan nehmen. Und die im Internet kennen gelernten Leute sind oft nicht zuverlässig. Da kann es passieren, dass sie erst vorbeikommen wollen und es dann nicht tun.

Matthias: Das ist ein teurer Spaß dann.

Joachim: Ein anderes Problem ist, dass die jungen Männer, die Sex mit ältere Männer wollen, von den älteren Männern erwarten, dass die sich noch so verhalten, wie es bei uns früher war, als alles auch bei mir noch viel stärker nach außen drückte, sozusagen. Sie sind zwar körperlich faszinierend schön, aber leider eben irgendwie „cool” und auf mechanischen Abläufe und die schnelle Befriedigung bedacht, so dass eine charmante zwischenmenschliche Zuwendung, dass eben die Erotik fehlt. Sie mögen Sex mit älteren Männern, stellen sich aber nicht darauf ein, dass ältere Männer dann doch erst einmal eine erotische Zuwendung benötige, um richtig in Fahrt zu kommen.

Matthias: Die können das nicht verstehen, weil sie es so bisher noch nicht selber empfinden.

Joachim: Noch etwas anderes habe ich bei dem Medikament bemerkt: Ich hatte mal einen sehr starken Tee getrunken. Dabei hatte ich das Gefühl, dass sich in meinem ganzen Körper etwas verändert beziehungsweise er sich ganz anders anfühlt. Beim ersten Mal, als ich dann das Medikament genommen habe, hatte ich ein ähnliches Gefühl.

Matthias: Das ist natürlich so, dass diese Medikamente nicht nur im Bereich der Sexualorgane wirken, sondern im ganzen Körper. Das kann auch gewisse Nebenwirkungen haben. Auf die gesamte Muskulatur zum Beispiel.

Joachim: Welcher Art?

Matthias: Das Wirkprinzip von dem meisten dieser Mitteln ist, dass sie auf die glatte Muskulatur wirken und nicht ganz 100 Prozent spezifisch im Bereich der Sexualorgane, sondern auch eine geringe Wirkung im Bereich anderer Muskeln, wie z.B. des Herzens haben.

Joachim: Das heißt z.B. die Muskeln werden erschlaffen?

Matthias: Es geht im Prinzip um den einen Muskel, der den Blutzufluss im Penis reguliert. Durch sein Erschlaffen kommt es zu einem verstärken Bluteinstrom in den Penis und zu einer verstärkten und verlängerten Erektion. Und was man vielleicht auch noch sagen sollte: Diese Medikamente haben keinen Einfluss auf die Libido, also das Lustempfinden. Das wäre ein Missverständnis. Es muss schon ein sexueller Reiz da sein, sonst passiert gar nichts, wenn du die Tablette nimmst.

Joachim: Ich habe festgestellt, das meine Nase zu ist, wenn ich das Medikament nehme.

Matthias: In der Nase befinden sich auch Schwellkörper. Das ist ein typische Nebenwirkung. Wie z.B. auch Gesichtsrötungen. Es kommt zu einer verstärkten Durchblutung. Das Medikament wirkt ja im ganzen Körper.

Joachim: Da ich das Medikament nur in dem speziellen Momenten nutze, wo es sozusagen um einen raschen Vollzug beim spontanen Sex geht, frage ich mich natürlich, ob sich der Körper darauf einstellt und die normale Erektionsfähigkeit beim Alltagssex dadurch nachlässt?

Matthias: Es gibt keinen Gewöhnungseffekt oder so etwas.

Joachim: Im Internet bekommt man ständig solche Mittel angeboten, z.B. über unerwünschte Emails. Wobei ich festgestellt habe, dass sie oft bewusst den Namen der Medikamente falsch schreiben. Hat das etwas mit der verbotenen Werbung für verschreibungspflichtige Memdikamente zu tun?

Matthias: Es gibt sogenannte Spamfilter, die darauf trainiert sind, solche Medikamente rauszufiltern und die funktionieren nicht bei falsch geschriebenen Namen. Die Mails kommen dann durch. Ein großes Problem ist mittlerweile die Häufung der Fälschungen die man über das Internet kaufen kann.

Joachim: Als mir der Urolologe damals zum ersten Mal eines dieser Medikamente in die Hand gedrückt hat, habe ich ihn gefragt: ich habe zu hohen Blutdruck, steigt der nicht etwa? Da sagte der, im Gegenteil.

Matthias: Das war eigentlich die Intention, warum man diese Medikamente entwickelt hat. Sie sollten den Blutdruck senken. Das haben sie zwar nicht zuverlässig, dafür hatten sie aber die erfreuliche Nebenwirkung, dass sie eben zu einer verbesserten Erektion geführt haben.

Joachim: Hoher Blutdruck - schlechte Erektion. Und niedriger Blutdruck - gute Erektion?

Matthias: Nein, das sind ganz andere Zusammenhänge. Man hat nur gesehen, die eigentlich nicht erwünschte Wirkung war, dass sie diese erektionssteigernde Wirkung haben und außerdem haben sie den Blutdruck nicht zuverlässig gesenkt. Das Blutdruckmittel war also kein Blutdruckmittel.

Joachim: Wenn nun jemand sehr gerne auf diese Medikamente zugreift, da geht das ganz schön ins Geld.

Matthias: Das kann durchaus passieren.

Joachim: Bei anderen Medikamenten zahle ich ja nur den Rezeptanteil und kann deshalb nicht beurteilen ob sie deutlich teurer sind als andere Medikamente.

Matthias: Wir haben ja Medikamente die patentgeschützt sind. Die neuen Entwicklungen von diesen Potenzmitteln sind recht teuer und wenn jetzt sich jeder damit behandeln lassen wollte, der unter Erektionsstörungen leidet, kann man sich ausrechnen, dass das in die Milliarden ginge. Deshalb hat man gesetzlich einen Riegel vorgeschoben. Diese Mittel dienen nicht der Behandlung von Krankheiten, sondern sie sind so genannte Lifestyle-Arzneimittel.

Joachim: Aber natürlich kann man sagen, dass ein Mensch der regelmäßig und genussvoll sein Sexualität lebt, ein größeres Wohlbefinden hat und allgemein gesünder ist.

Matthias: Wenn ich jeden Tag in die Kaiser-Friedrich-Therme gehe, dann geht es mir auch besser. ... Zur rechtlichen Situation: Es gibt Gerichtsentscheide die ermöglichen, dass in bestimmten Fällen die Krankenkasse die Kosten zu übernimmt, Allerdings bei sicheren organischen Erkrankungen. Nicht, wenn man schnellen Sex haben möchte.

Joachim: Nun könnte es für viele Männer doch eine gewisse Barriere sein, dass sie mit dem Hausarzt darüber sprechen müssen. Infolgedessen ist es doch völlig verständlich, dass die Leute versuchen, sich über das Internet billigere Medikamente zu beschaffen.

Matthias: Die Tatsache, dass man seine Sexualitätsprobleme mit den Arzt bespricht, ist für viele nicht einfach. Aber es ist wichtig, weil diese Sachen keine Hustenbonbons sind und mit anderen Medikamenten schwere Wechselwirkungen haben können, und außerdem muss der Arzt halt entscheiden, ob man aufgrund von organischen Grunderkrankungen das überhaupt nehmen kann. Es gibt sehr viele Medikamente, die sich mit den Potzenmitteln überhaupt nicht vertragen. Klassisches Beispiel ist Poppers. Das war früher ja auch als Herzmittel gedacht.

Joachim: Also Poppers und Potenzmittel vertragen sich nicht. Werden durch Potenzmittel mehr Sekrete produziert?

Matthias: Nein. Der Arztbesuch ist auch ganz wichtig bei HIV-Patienten, weil verschiedene HIV-Medikamente die Wirkungen verstärken können und dann auch zu verstärkten Nebenwirkungen führen können.

Joachim: Deshalb ist vielleicht ein Arztbesuch nicht nur beim ersten Mal des Verschreibens notwendig.

Matthias: Der Arzt muss im Prinzip regelmäßig entscheiden, ob und auch welche Dosierung, was dann halt zuträglich ist. Dies ist z.B. auch wichtig, wenn Nierenfunktionsstörungen vorhanden sind. Dann bleibt das zu lange im Blut und wirkt dann länger.

Joachim: Mann muss sich halt vor dem Arztbesuch überlegen, wozu man das nehmen will und über sein Geschlechtsleben so ehrlich wie möglich sein, damit der die richtige Entscheidung fällen kann.

Matthias: Oder gibt es ernsthafte Gründe, warum man die einnehmen muss, z.B. nach Prostataoperationen oder man ist Diabetiker.

Joachim: Es scheint jetzt eine Palette von unterschiedlichen Medikamenten zu geben. Kann man sagen, dass sie die gleiche Wirkungen haben.

Matthias: Ja kann man im Grunde sagen. Aber sie unterscheiden sich in der Wirkgeschwindigkeit und auch in der Wirkungsdauer. Es gibt Substanzen die innerhalb einer viertel bis einer halben Stunde zu wirken beginnen und für 5 – 8 Stunden in der Wirkungen anhalten. Andere brauchen einer halbe bis eine Stunde und wirken dann bis zu 12 bis 14 Stunden. Und wieder eine andere die 2 – 3 Stunden braucht bis sie wirkt, dafür aber bis zu zwei Tage in der Wirkung anhält – die sogenannte Wochenendpille. Je nachdem wie man sie einsetzen möchte. (1)

Joachim: Nun können wir ja wahrscheinlich hier die einzelnen Medikamente indiesem Zusammenhang nicht gut benennen, wegen des Webeverbotes. Aber über die Wirkungsweise wissen Ärzte und Apotheker ja Bescheid.

Matthias: Alkohol und Fett in der Nahrung haben auch einen starken Einfluss auf die Aufnahme in den Körper. Bei fettreicher Nahrung wird der Wirkstoff schlechter aufgenommen. Alkohol verschlechtert bei einigen dieser Medikamente die Wirkung. (2)
Also nutzt das dann nichts bei einer heißen Party.

Joachim: Helfen die sogenannten Natur-Potenzmittel auch?

Matthias: Es gibt ja den sogenannten Placeboeffekt. Bei 20 % hatte man trotz Placebo eine Wirkung. Da kann man also auch davon ausgehen, dass diese Naturmittel was bewirken.

Joachim: Es sind ja auch auch schon jüngere Leute, die sich Potzenzmittel holen.

Matthias: Man kann sagen, dass sich ein Trend abzeichnet, dass immer mehr jüngere Leute Potenzmittel konsumieren. Weil in unserer Gesellschaft mittlerweile perfektes sexuelles Funktionieren gefordert wird, und sich dadurch eben ein Druck aufbaut, der wiederum zu Potzenstörungen führen kann, also die Erwartung wird dann oft nicht erfüllt. Daher wird die Einnahme von Potenzmitteln oft zur Selbstverständlichkeit, zur Gewohnheit.

Joachim: Sexuelles Konsumverhalten als Folge gesellschaftlicher Anforderungen, also eine Form des Konsumismus. Über Konsumismus ist zufällig hier in der gleichen Ausgabe ein Artikel.

Matthias: Das ist sehr interessant und passt sicher ganz gut. Dieser Umgang mit Potenzmittel führt zu einem sexuellen Leistungsdruck. Der Körper funktioniert ja nicht wie ein Automat. Selbstverständlickeit ist das ja nicht.

Joachim: Vielen Dank, Matthias, für Deine Aufschlussreichen Hinweise und das informative Gespräch.
 
Anmerkungen:
(1) schnell: Levitra; mittel: Viagra; langsam wirkend: Cialis
(2) Viagra und Levitra