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Russisch Roulette beim Sex
In der Schwulenszene ist ungeschützter Verkehr in Mode Gesundheitsbehörden
sind alarmiert
- Ist die Aids-Angst vorbei? Bundesgesundheitsministerin
Ulla Schmidt (SPD) hat erst kürzlich vor steigenden Infektionszahlen
und zunehmender Sorglosigkeit gewarnt. Über einen Trend
sind die Gesundheitsbehörden besonders alarmiert: die «Barebacking»-Partys
in Großstädten, bei denen Schwule bewusst ungeschützten
Verkehr miteinander haben - um den richtigen Kick zu bekommen.
Gerade erst hat die Deutsche Aids-Hilfe (DAH) ihre Broschüre
«Sex & Life» zurückgezogen, in der junge
Infizierte unkommentiert ihre Erfahrungen schildern.
Man habe «sofort reagiert», erklärt die Sprecherin
der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA),
Marita Völker-Albert. Es habe «intensive Gespräche
mit der DAH auf Leitungsebene» gegeben, lässt die
Sprecherin anklingen, dass man in Köln über das Infoblatt
wenig erfreut war. Dies, so die Aids-Hilfe, sei inzwischen «in
der Überarbeitung». Im Übrigen dürften derartige
Aussagen, «wie sie in diesem Fall passiert sind, nicht
wieder in Veröffentlichungen vorkommen».
Das «Barebacking» (auf Deutsch: «Reiten ohne
Sattel») gilt in der Szene als der ultimative Kick. Offiziell
sollen sich auf den Partys nur HIV-Positive tummeln. Doch wer
im Internet nachschaut, merkt schnell, dass auch Nicht-Infizierte
sich angelockt fühlen. Mit teilweise schlimmen Folgen: Denn
andere werden mitunter entweder als Revanche für die eigene
Ansteckung oder sogar mit deren Einverständnis infiziert.
Bei der Deutschen Aids-Hilfe legt man Wert auf die Feststellung,
die Äußerungen in «Sex & Life» seien
«missverstanden» worden. «Die Sätze sind
möglicherweise unglücklich formuliert worden»,
räumt DAH-Geschäftsführerin Hannelore Knittel
auf Anfrage ein.Knittel erläutert, dass «die Prävention
schwieriger geworden ist, weil die Krankheit nicht mehr als so
schwerwiegend wahrgenommen wird». Da die neuen Medikamente
ein längeres Überleben ermöglichten, stürben
viele Patienten an Folgekrankheiten wie Krebs oder Herzerkrankungen.
«Viele Aids-Tote werden also gar nicht mehr als solche
registriert.»
Beim Robert Koch Institut (RKI) ist man alarmiert: «Wir
beobachten mit einiger Sorge, dass es verschiedene Indizien für
eine Zunahme riskanten Sexualverhaltens unter homosexuellen Männern
gibt», sagt Osamah Hamouda, zuständig für die
HIV/Aids-Epidemiologie im RKI. Zwar sei es auf «Barebacking»-Partys
auch denkbar, dass Nichtinfizierte miteinander ungeschützt
Sex haben und umgekehrt auch Infizierte untereinander. «Dennoch
sollte die Botschaft bleiben, dass man sich unbedingt schützen
muss.»
Der Frankfurter Sexualwissenschaftler Martin Dannecker folgert,
dass die Sexualität beginnt, «sich der Diktatur der
Angst, unter die sie nach dem Auftreten von Aids geraten ist,
zu entwinden». Er sieht einen «tief greifenden Bedeutungswandel
von Aids», spricht von einer «Todesrhetorik»,
derer sich «die Präventionsarbeiter unverhohlen»
bedienten: «HIV-Infektion und Tod sind durch die Kombinationstherapien
so weit auseinander gerückt, dass der Tod keine entscheidende
Bedeutung mehr hat.»
Genau das sei die gefährliche These, widerspricht Armin
Bader von der Deutschen Aids-Gesellschaft. So sehr man im Einzelfall
Verständnis für die Motive nach ungeschützten
Sexualpraktiken haben könne, so wenig dürfe man Praktiken
wie «Barebacking» öffentlich gut heißen.
Es sei «eine trügerische Hoffnung, mit Anti-HIV-Medikamenten
ohne signifikante Einschränkung der Lebensqualität
und manchmal lebensgefährlichen Nebenwirkungen leben zu
können».
Die «Barebacker»-Gemeinde im Internet ist erstmal
abgetaucht. (www.bareback.de) Die Webseite sei vorübergehend
vom Netz genommen, «um unsere Mitglieder vor aufgestachelten
Moralaposteln zu schützen», heißt es auf der
Homepage.
- Herausforderung Prävention - Zahl der
HIV-Infektionen steigt in Risikogruppen wieder an - Insgesamt
Zahlen aber «stabil»
Angesichts einer steigender Zahl von HIV-Infektionen in Risikogruppen
wollen die 43 Aids-Hilfen in NRW ihre Präventionsarbeit
weiter verstärken. Während insgesamt die Zahl der Infektionen
stabil sei, gebe es insbesondere bei Drogenabhängigen und
homosexuellen Männern seit dem vergangenen Jahr eine leicht
ansteigende Tendenz, sagte Julia Ellen Schmalz vom Vorstand der
Aids-Hilfe NRW am Dienstag in Düsseldorf. Als Konsequenz
wird in diesem Jahr beispielsweise die Zahl der verteilten Kondome
von 50 000 auf 100 000 verdoppelt.
Bei den Drogenabhängigen kletterte die Zahl der Neudiagnosen
im vergangenen Jahr auf fast zehn Prozent - nach konstant acht
Prozent in den Jahren zuvor, wie Schmalz erläuterte. Grund
dafür seien unter anderem Einschränkungen im Hilfesystem
aufgrund von Finanzkürzungen. Hinzu komme ein allgemeiner
Trend, dass HIV und Aids nicht mehr als so bedrohend empfunden
würden wie in den Jahren zuvor. Bei den homosexuellen Männern
verzeichnen die Aids-Hilfen seit dem vergangenen Jahr ebenfalls
wieder leicht ansteigende Zahlen. Waren sie im Zeitraum 2000
bis 2002 von davor 400 auf rund 320 im Jahr gesunken, so wurden
im vergangenen Jahr bis zu 340 Neuinfektionen in dieser Gruppe
registriert. Für das laufende Jahr rechnen die Aids-Hilfen
mit bis zu 370 Neudiagnosen.
Zum besseren Schutz von Drogenabhängigen forderte die Aids-Hilfe
NRW insbesondere, in den Haftanstalten des Landes den Zugang
zu sterilen Spritzen zu ermöglichen. Hier sei die Infektionsgefahr
besonders hoch, da es einen solchen Zugang weiter nicht gebe.
Landesweit gibt es mittlerweile rund 100 Automaten, an denen
Abhängige sterile Spritzen erhalten. Pro Jahr werden bis
zu 400 000 Spritzen auf diesem Weg abgegeben.
In NRW leben derzeit insgesamt rund 9.600 Menschen mit dem HI-Virus.
Davon sind laut Schmalz rund 1100 an der Immunschwäche Aids
erkrankt. In den vergangenen 22 Jahren haben sich bis zu 14 500
Menschen mit HIV infiziert. Davon starben 4900 Personen. In den
kommenden Jahren rechnen die 43 Aids-Hilfen in NRW mit bis zu
450 Neuinfektionen pro Jahr.
Die Aids-Hilfen in NRW verfügen pro Jahr über ein Gesamtbudget
von rund 4,6 Millionen Euro. Vom Land werden sie mit über
2 Millionen Euro gefördert. Allein 1,5 Millionen Euro werden
jedes Jahres für Präventionsarbeit mit Jugendlichen
ausgegeben. (Quelle: Schmalz in Düsseldorf)
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