- 65. LUST, April/Mai 01
- Fragen an Constance Ohms
Wir, Renate und Joachim haben uns eine
Reihe von Fragen an Constance Ohms ausgedacht und einen Termin
ausgemacht. Zu diesem Termin konnte sich nur Joachim beruflich
freimachen, so dass daraus das Interview bezw. ein Gaspräch
zwischen einem schwulen Mann und einer lesbischen Frau wurde.
Die wichtigsten Fragen drehen sich um das Problem Gewalt
gegen Lesben. Es ist dies nach unserer Einschätzung
für Lesben und für Schwule zu einem wichtigen Gespräch
geworden. Von der LUST-Redaktion noch einmal vielen Dank für
das interessante und informative Gespräch.
-
- LUST: Ich unterhalte
mich hier mit der Constance Ohms, auf die wir schon vor Jahren
aufmerksam wurden, als sie ihr Buch über Gewalt in lesbischen
Beziehungen herausgegeben hat. Aber wie zeigt sich überhaupt
antilesbische Gewalt? Fragen an Constance Ohms
Wir, Renate und Joachim haben uns eine Reihe von Fragen an Constance
Ohms ausgedacht und einen Termin ausgemacht. Zu diesem Termin
konnte sich nur Joachim beruflich freimachen, so dass daraus
das Interview bezw. ein Gaspräch zwischen einem schwulen
Mann und einer lesbischen Frau wurde. Die wichtigsten Fragen
drehen sich um das Problem Gewalt gegen Lesben. Es
ist dies nach unserer Einschätzung für Lesben und für
Schwule zu einem wichtigen Gespräch geworden. Von der LUST-Redaktion
noch einmal vielen Dank für das interessante und informative
Gespräch.
-
- Constance:
Grundsätzlich muss man drei Ebenen unterscheiden: Gewalt
in lesbischen Beziehungen, Gewalt in der Szene, also auch in
der Kneipe und dann Gewalt gegen Lesben, beziehungsweise lesbenfeindliche
Gewalt, damit meine ich Gewalt im öffentlichen und halböffentlichen
Raum, d.h. auf der Straße, im Wohnumfeld usw. Hier sind
meistens verbale Herabsetzungen usw. anzutreffen. Dazu gehört
auch die Art, in der Lesben in den Medien dargestellt werden.
Ein Beispiel ist der SPIEGEL von dieser Woche, der in einem Interview
mit Wolfgang Joop ist von hartgesottenen Lesben von der
Feminismusfraktion spricht. Der Begriff Lesbe
wird hier als Schimpfwort benutzt, um Feministinnen abzuwerten.
Antilesbische, also lesbenfeindliche Gewalt erleben Lesben sehr
oft im Wohnumfeld, wo sie beschimpft werden, Reifen an ihren
Autos zerstochen, die Briefkästen aufgebrochen oder zerstört
werden, wenn die Nachbarn glauben, dass diese Lesben gehören.
- LUST: Körperliche
Gewalt, Angriffe auf Lesben?
-
- Constance:
Körperliche Gewalt findet nicht so selten statt, wie viele
glauben. Es geht um Treten, Boxen, Schlagen, Schubsen, Stoßen
und solche Sachen. Auf der Straße sind es eher fremde Täter,
die zum Beispiel Frauen angreifen, wenn sie Hand in Hand gehen.
Ich kenne den Fall von zwei Frauen, die hier in Frankfurt auf
der Berger Straße ins Kino gehen wollten. Ein ihnen völlig
unbekannter Mann, bricht der einen das Nasenbein und schimpft
noch Scheiß Lesben. Aber um es noch mal klar
zu sagen, andere Formen von Gewalt, also psychische und verbale
Gewalt gibt es weitaus häufiger, statistisch gesehen bis
zu achtmal mehr.
-
- LUST: Die schwule
Gewalt konzentriert sich ja an Cruising-Plätzen, in Parks
und Klappen usw., und so richtige Cruising-Plätze für
Lesben gibt es wohl nicht.
- Constance: Nee.
Aber ich wäre mir nicht so sicher, ob sich die Gewalt tatsächlich
an solchen Plätze konzentriert. Der Eindruck entsteht vielleicht
dadurch, weil die schwule Anti-Gewalt-Arbeit vor allem diese
Gebiete im Blick hat. Schwule erleben ganz sicher auch andere
Formen von Gewalt. Schwule haben ausgeprägtere Vermeidungsstrategien,
man sieht auf der Straße weitaus seltener Schwule, die
Hand in Hand herumlaufen als Frauen, weil das dort noch eher
akzeptiert wird - in einem bestimmten Rahmen. Aber Schwule reden
über diese Formen von Gewalt kaum.
-
- LUST: Jetzt
kommen Lesben mit ihren Gewalterfahrungen ins LIBS und wenden
sich an
dich. Was kriegen sie da für
Ratschläge?
-
- Constance:
(lacht) Das hängt davon ab, was betroffene Lesben brauchen.
Ich selbst biete zur Zeit keine Beratung mehr an sondern mache
Konzeptentwicklung, Forschung und Theoriebildung. Meine Kollegin
Claudia Gutmann bietet im LIBS Beratung per Telefon, e-mail oder
im direkten Gespräch an. Ihre Erfahrung ist, dass viele
Lesben gar nicht wegen einer Gewalterfahrung kommen, sondern
wegen anderer Geschichten. Erst später in der Beratung kommt
heraus, dass sie Gewalt erlebt haben. Grundsätzlich bieten
wir betroffenen Lesben Beratung und Unterstützung an. Und
was wir in Frankfurt erreicht haben, ist, dass es eine weibliche
Ansprechpartnerin bei der Polizei gibt. Da kann man Anzeige erstatten
oder sich bei kleineren Rechtsfragen hinwenden. Viele Lesben
wissen ja gar nicht, was sie anzeigen können und was nicht.
LUST: Können Selbstverteidigungskurse helfen?
-
- Constance: Ja!
-
- LUST: Wie?
-
- Constance:
Selbstverteidigungskurse, also insbesondere feministische
Selbstverteidigungskurse, arbeiten darauf
hin, das Selbstbewusstsein von Frauen und Lesben zu stärken
und damit ihre Wehrfähigkeit zu fördern. Also viele
Frauen, gerade auch in Westdeutschland, müssen immer noch
lernen, dass sie es sich wert sind, sich zu wehren - und das
gilt auch für Lesben. Ich habe früher Selbstverteidigungskurse
für Lesben angeboten. Sie stärken das Selbstbewusstsein
und man lernt Strategien, wie man sich in bestimmten Situationen
verhalten kann und geben Lesben das Gefühl, sich wehren
zu können.
LUST: Ich kann mich erinnern, wir hatten früher einige
Schwule in der ROSA LÜSTE, die an einem Selbstverteidigungskurs
teilgenommen hatten. Die waren der Meinung, das es ihnen nichts
gebracht hat. Nicht, dass sie nicht eine Menge Tricks gelernt
hätten. Aber sie waren der Meinung, dass man die Härte
haben muss, z.B. jemanden ins Gesicht zu schlagen und das können
wir einfach nicht.
-
- Constance:
Also, da würde ich sagen, sie haben dann keinen guten Kurs
besucht. Ich habe vor Jahren auch Kurse mit Schwulen gemacht.
Die Frage, ob ich es fertig bringe, jemanden ins Gesicht zu schlagen,
der mich angreift, darf sich nicht stellen. Vor allem dann nicht,
wenn z.B. das Leben in Gefahr ist oder man einfach möglichst
heil aus der Situation rauszukommen will. Ziel von so einem Kurs
ist es, die Hemmschwelle herunterzusetzen und auch die eigene
Wut herauslassen zu können. Berechtigte Wut ist auch ein
Ausdruck von Selbstachtung und Würde. Und genau das sollte
in den Kursen vermittelt werden.
-
- LUST: Das ist
für Männer schwieriger, weil Männer ja lernen,
ihre Wut im Zaum zu halten.
- Constance:
Dem kann ich so nicht folgen. Meines Erachtens haben Männer
eigentlich eine niedrigere Hemmschwelle als Frauen. Es gehört
zur männlichen Sozialisation, ein bestimmtes Aggressionspotential
zu haben. Ich denke, Opfer zu werden kommt nicht im Selbstbild
von Männern vor. In dem Moment wo sie angegriffen werden,
müssen sie sich mit ihrem Selbstbild auseinandersetzen und
das ist es im Grunde genommen, was es für sie noch einmal
schwieriger macht.
-
- LUST: Ich als
schwuler Mann halte mich nicht für unangreifbar und habe
eher das Gegenteil gelernt.
-
- Constance:
In der Regel gehört dennoch zur männlichen Sozialisation,
dass Männer sich stark fühlen. Guck dir doch mal einen
Western an, wie oft da jemand verdroschen wird und immer wieder
aufsteht. Frauen bekommen eher vermittelt, dass sie verletzbar
sind, dass sie Opfer sind - und da müssen sie rauskommen.
-
- LUST: Vielleicht
nehme ich das anders wahr, weil ich mich in Gewaltsituationen
als ausgesprochen feige erkenne. Vielleicht hat das etwas mit
meiner schwulen Sozialisation zu tun.
-
- Constance:
Feigheit in Situationen, in denen man angegriffen wird, gibt
es nicht. Wegrennen ist nicht feige, sondern vernünftig.
Und weiche Knie darf jeder hinterher haben. Das ist normal.
-
- LUST: Ich sehe
immer mit einer gewissen Verwunderung, wie sich andere Männer
verhalten. Die fühlen sich etwas angekratzt und stehen sofort
da wie die Kampfhähne. Das wundert mich dann immer, aber
ich denke, das ist wohl das Ergebnis ihrer Sozialisation.
-
- Constance:
Sicherlich gibt es immer noch ein paar Gockel, aber man sagt
auch, dass sich in den heutigen Zeiten die Geschlechter angenähert
haben, dass sich die Grenzen ein bisschen aufgelöst haben.
-
- LUST: Der Joop
behauptet das ja in dem SPIEGEL-Interview. Naja.
-
- Constance:
Ja, er spricht ja von eine Homosexualisierung der Gesellschaft.
Das Interview ist eine Katastrophe, besonders für uns Lesben.
Es ist einfach bitter, dass man auch von solchen Männern
so angegriffen wird. Aber ich meine schon auch, dass vieles
was die Geschlechterrollen angeht, in Bewegung geraten ist und
sich das Geschlechterverhältnis etwas aufgelöst hat.
-
- LUST: Gewalt
zwischen Lesben ist ein Thema, was nicht unbedingt aus der Sicht
des schwulen Voyeurismus betrachtet werden sollte. Aber es könnte
ein ernstes Problem sein.
-
- Constance:
Das ist ein ernstes Problem! Aber wenn du von schwulem Voyeurismus
sprichst, muss ich dir leider sagen, dass schwule Gewaltbeziehungen
keineswegs seltener sind als lesbische.
LUST: Was hältst du von der These, dass schwule Bindungen
einfach nicht so fest sind, um gegenseitige Gewaltausübung
zu überstehen, im Gegensatz zu lesbischen Bindungen, die
enger sind?
-
- Constance:
Diese These widerspricht dem Forschungsergebnis zum Beispiel
aus New York, dass das Ausmaß bei Lesben und Schwulen nahezu
gleich ist.
- LUST: Kann
man das dann auch mit Gewalt in heterosexuellen Beziehungen gleichsetzen?
-
- Constance:
Ja. Das veranlasst ja auch darüber nachzudenken, ob die
Ursache tatsächlich aus dem Geschlechterverhältnis
abzuleiten ist. Das bietet für lesbische und schwule Gewaltbeziehungen
keine nachvollziehbare Erklärung.
-
- LUST: In deinem
Buch Mehr als das Herz gebrochen Gewalt in lesbischen
Beziehungen, werden da nicht prügelnde Lesben als
männliche Lesben definiert?
Constance: Nein, auf keinen Fall. Das ist nicht so, in dem Buch
wird ganz klar beschrieben, dass solche Stereotypisierungen nicht
möglich sind. Auch Lesben, die sehr feminin sind, können
ihre Partnerin misshandeln wie sogenannte Butches. Das ist nicht
der Punkt.
-
- LUST: Ich glaube,
da ging es auch um S/M-Lesben.
- Constance:
Das erste Buch Gewalt in lesbischen Beziehungen habe
ich 1993 geschrieben. Da habe ich noch vertreten, d.h. vertreten
lassen, weil ich selber nichts dazu geschrieben habe, dass SM
auch ein Ausdruck von Gewalt ist. Ich muss sagen, dass ich das
heute doch differenzierter sehe. Es sind schon Beziehungen, in
denen Macht und die Lust am Schmerz eine große Rolle spielen,
aber man kann das nicht per se mit Gewalt gleichsetzen. Es wäre
interessant zu untersuchen, was Lesben in S/M-Beziehungen als
Gewalt empfinden, um Hilfestellung auch dort leisten zu können.

LUST: Die Zuordnung von Gewalt gleich männlich
und Leiden gleich weiblich, wäre das nicht aus
sexistisch?
-
- Constance:
Also, ich habe schon damals klar gesagt, dass Gewaltausübung
unabhängig von den Rollenstereotypisierungen ist. Was es
geben kann, ist, dass in lesbischen Beziehungen heterosexistische
Muster gelebt werden. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass
die Femme auch die Opferrolle innehat.
LUST: Daran haben wir ja auch gearbeitet. Wenn z.B. ein
Machoschwuler und ein femininer Schwuler als Paar auftreten,
dann wissen die anderen auch immer gleich alles und übertragen
vielleicht aus Heterostereotypen.
- Constance: Das
würde ja ausschließen, dass zwei feminine Frauen eine
Beziehung miteinander haben könnten, oder zwei Butches.
Und wenn ich mir die lesbischen Beziehungen anschaue, es ist
alles möglich. Die Gewalt hat nichts mit dieser Geschlechterstereotypisierung
zu tun.
LUST: Das wird manchen Feministinnen jetzt aber nicht
gefallen.
-
- Constance:
Ich weiß. Ich weiß auch, dass das ein schwieriger
Punkt ist. Es lässt sich aber Gewalt in lesbischen und schwulen
Beziehungen auch nicht mehr mit den herkömmlichen Beziehungsmustern
beschreiben. Ich meine, dass man das in Machtstrukturen sehen
sollte und nicht in Geschlechterstrukturen.
-
- LUST: Macht
ausüben ist eigentlich nur dann möglich, wenn Abhängigkeiten
bestehen.
-
- Constance:
Das ist die Basis dessen.
LUST: Da haben wir uns jetzt ein bisschen im Kreis bewegt
und ich meine ja, dass in schwulen Beziehungen oft die Abhängigkeit
nicht so groß ist, dass Macht in diesem Maße entstehen
kann.
-
- Constance:
Also du würdest sagen, schwule Beziehungen sind egalitärer?
-
- LUST: Nee,
nee. Ich würde eher meinen, dass der Punkt, wo man sich
nicht mehr peinigen lässt, wo man sich das nicht mehr antut,
schneller erreicht ist. Ich denke, wenn jemand, also ein schwuler
Mann, gedemütigt oder mit anderen Formen der Gewalt konfrontiert
wird, dass da die Männerrolle doch stark genug ist, dass
dann die Schmerzgrenze für ihn schneller erreicht ist, wo
er die Sache abbricht.
-
- Constance:
Was willst du jetzt damit sagen? Dass Männer gewalttätige
Beziehungen nicht so lange ertragen wie Frauen?
-
- LUST: Ja, weil
Frauen doch mehr gelernt haben, zu erdulden.
-
- Constance:
Das ist eine interessante Annahme. Man sagt ja, dass bei Frauen,
wenn sie misshandelt werden, die Beziehungen bis zu drei Jahren
dauern. Das ist doch eine recht lange Zeit, wenn man bedenkt,
dass da Himmel und Hölle zusammenkommen. Es ist interessant,
dass es für Schwule keine Vergleichsdaten gibt. Ich kennen
eigentlich keinen Schwulen, der zugibt, dass er misshandelt wurde,
weil das gegen sein Selbstbild gerichtet ist. Kein Mann würde
gerne zugeben, dass er von seinem Partner misshandelt wird.
-
- LUST: Das ist
ja auch in umgekehrten Gewaltverhältnissen in Heterobeziehungen
so. Ein geprügelter Mann wird sich kaum verständlich
machen können.
-
- Constance:
Es ist aber mit Sicherheit in unseren hetero-patriarchalen Strukturen
so, dass in heterosexuellen Beziehungen die Mehrheit der Opfer
Frauen sind.
-
- LUST: Mit Sicherheit.
Aber wie dem auch sei, wir kümmern uns um die Fälle,
die wir kennen und die an uns herangetragen werden.
-
- Constance:
Ja, das ist die Aufgabe, die wir haben.
- LUST: Zusammenarbeit
zwischen Lesben und Schwulen, funktioniert die, deiner Erfahrung
nach?
-
- Constance:
Das ist ein sehr schwieriges Thema. Die Zusammenarbeit läuft,
ich benutze da immer zwei Schlagworte, punktuell und temporär.
Es muss von beiden Seiten Interesse bestehen. Kitzelig wird es
dann, wenn Machtpositionen zu besetzen sind, auch wenn es darum
geht, an den Details zu arbeiten. Dann werden die Differenzen
klar.
-
- LUST: Ich frage
dich das deshalb, weil ich dich früher beim Frankfurter
CSD bei den Security-Leuten gesehen habe und plötzlich nicht
mehr.
-
- Constance:
Ja, ich hab das gemacht, weil ich daran Spaß gehabt
habe.
-
- LUST: Der Spaß
hat dann nachgelassen, als du einmal mit einem blauen Auge rumgelaufen
bist?
-
- Constance:
Das fand ich eigentlich nicht so dramatisch. Das war eher ein
ganz interessantes Erlebnis, festzustellen, ob ich mich tatsächlich
in einer solchen Situation wehren kann, also auch körperlich
wehren kann. Mag die Situation auch noch so schwierig gewesen
sein, es war spannend für mich festzustellen, dass ich das
kann.
-
- LUST: Das waren
diese gewalttätigen Bübchen aus der Drogenszene, die
sich dort rumtrieben, wo wir auch immer unseren Infostand hatten.
Die haben wir immer beobachtet und hatten auch ganz schön
Schiss.
- Constance: Ja,
das ist auch ein großes Aggressionspotential und in dem
Jahr hatten wir auch viele Übergriffen auf Frauen von heterosexuellen
Marktbesuchern. Das ist ein Risiko, das an solchen exponierten
Stellen gegeben ist. Der Veranstalter des Frankfurter CSD hat
daraus Konsequenzen gezogen und das Sicherheitspersonal verstärkt.
Im letzten Jahr ist weniger passiert. Wenn allerdings die betroffenen
Frauen keine Anzeige erstatten, hat der Veranstalter die Möglichkeit
zu sagen: das sind übertriebene Darstellungen, und die Polizei
sieht keinen Handlungsbedarf. Diese Kampfszene von vor zwei Jahren,
das war nur eine von vielen und ich war die einzige, die Anzeige
erstattet hat.
LUST: Die Zusammenarbeit zwischen Lesben und Schwulen
beim Frankfurter CSD, da warst du ja involviert.
-
- Constance:
Ja, ich habe mit Rainer Gütlich ein Jahr zusammengearbeitet
und wir haben uns dann getrennt, weil wir unterschiedliche politische
Vorstellungen hatten. Rainer Gütlich Eventmanagement
ist ein privatwirtschaftliches Unternehmen, und er bestreitet
auch aus dieser Sicht den CSD. Und manchmal gingen da die Erwartungen
doch auseinander. Aber ich habe nach wie vor ein gutes Verhältnis
mit dem Rainer und das ist mir auch wichtig.
LUST: Die Unterschiede, die auftauchen, haben also nichts
direkt mit Lesben und Schwulen zu tun, sondern mit unterschiedlichen
Auffassungen über Kommerzialisierung der Szene usw.?
- Constance:
Unter anderem. Man muss bedenken, dass der CSD in Frankfurt durch
Rainer erst groß gemacht worden ist. Früher gab es
das kleine Fest in der Klingerstraße. Danach sehnen sich
schon einige wieder zurück, zumindest nach der Familienatmosphäre.
Die Zeiten sind aber vorbei. Der Punkt ist, der CSD wird vielleicht
immer weniger für Lesben und Schwule gemacht, er ist eine
Kommerzveranstaltung geworden. Die Trends sind eben so.
-
- LUST: Und nun,
wenn ich zu dem komischen runden Tisch im hessischen Sozialministerium
gehe, dann sitzt du dort auch rum. Was machst du denn da?
-
- Constance:
Ich bin eine der vier BeraterInnen des Referates für die
Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen.
LUST: Wen berätst du denn da?
-
- Constance:
Ich berate mit meinen KollegInnen den heterosexuellen Referatsleiter.
Zudem stellen wir ein Bindeglied zwischen dem Ministerium und
der Bewegung dar. Da das Ministerium sich für eine Antidiskriminierungspolitik
für Lesben und Schwule entschieden hat, aber nicht so viel
Ahnung von lesbischen und schwulen Belangen hat, sind Leute aus
der Bewegung reingeholt worden. Wir BeraterInnen müssen
immer wieder einen großen Spagat zwischen Ministerium einerseits
und Bewegung andererseits machen.
-
- LUST: Die Initiativen,
die das Ministerium ergreift, können die uns Lesben und
Schwulen weiterbringen.
Constance: Ich glaube schon, wenn ich mir überlege,
wie unstrukturiert die Lesben- und Schwulenszene in Hessen ist.
Das Referat hat schon Impulse gegeben und es hat eine Mobilisierung
stattgefunden, wenn ich da z.B. an die Konferenz der hessischen
Lesben- und Schwulengruppen oder sogar Hessisch Lesbisch denke.
Es gibt eben in Hessen nicht so viele politisch engagierte Gruppen
und Leute, die ihren Hintern und noch einiges mehr bewegen wollen.
Ich glaube, dass deshalb die Gründung des Referats für
viele noch mal eine Anregung war, da ist was, es tut sich was.
Auch die Diskussion über die Eingetragene PartnerInnenschaft
hat ja zu einer Politisierung von Lesben und zu heftigen Diskussionen
unter Lesben geführt, die die Eingetragene Lebenspartnerschaft
doch sehr viel kritischer sehen. Klar ist auch, dass sich unter
der CDU Regierung einiges verändert hat. Aber wir haben
auch UnterstützerInnen im Ministerium, so zum Beispiel den
Staatssekretär Seif. Was er macht, ist nicht unbedingt das,
was die Ministerin machen würde, bzw. der Ministerpräsident
Koch oder auch die Bundes-CDU.
-
- LUST: Nach
meiner Wahrnehmung war das ungefähr in der Schwulenszene
so, dass man anfangs seine Freiheiten genoss und dann begann,
über Lebensformen und Partnerschaftsformen nachzudenken.
Und als man über Konzepte nachdachte, ich denke da an die
Diskussion über das Beziehungsnetz und ähnliches, kam
die Aids-Katastrophe und dann war die Diskussion darüber
erst einmal völlig weg. Die eigenständige Diskussion
über angemessene Partnerschaftsformen ist dann völlig
abgebrochen und dann kam die Sache mit der Ehe.
-
- Constance:
Ich glaube auch, dass Aids da sehr viel verändert hat. Hinzu
kommt besonders in den letzten Jahren, dass gerade der bürgerliche
Flügel der Lesben- und Schwulenszene verstärkt wurde,
besonders durch die Allianz zwischen den Grünen und dem
LSVD, die gerade auf bundespolitischer Ebene ihre Vorstellungen
einfach durchgesetzt haben. In Hessen hat der LSVD bisher nicht
so viel Boden gewinnen können, weil die alternativen Strukturen
hier relativ stark sind. Es gibt nicht sehr viele, aber die sind
stark. Und der zweite Faktor ist, dass das Land kaum Fördermittel
für Lesben und Schwule bereitstellt, und dass das Referat
keinen eigenen Topf hat. Der LSVD baut seine Strukturen vor allem
mit viel Geld auf, was gut an der Bundesförderung zu sehen
ist. Der LSVD hat in den vergangenen Jahren zig hunderttausend
Mark für Stellen, Seminare und Broschüren vom Bund
erhalten, was es ihm erst ermöglicht hat, so starke Strukturen
aufzubauen.
-
- LUST: Zum Abschluss
vielleicht noch einige Fragen zu dir selbst. Du machst ja unheimlich
viel und das kostet viel Zeit und letztlich auch Geld. Du musst
irgendwoher auch Geld kriegen.
-
- Constance:
Ja, ich leite ja das Projekt Gewalt gegen Lesben
hier im LIBS und dafür werde ich auch bezahlt. Für
die Beratungstätigkeit bekommen wir auch ein kleines Honorar,
aber das ist eher ein Taschengeld. Alles andere ist ehrenamtlich.
Gewalt gegen Lesben sichtbar zu machen, das ist auch meine persönliche
Motivation, das kann ich mit meinem Leben verbinden und dadurch
macht es mir auch Spaß.
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- LUST: Und dadurch
hast du auch keinen Feierabend. Wie ist dann deine Beziehungspflege.
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- Constance:
Ich habe eine Partnerin, die in Berlin lebt.
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- LUST: Oh, dann
ist das ohnehin etwas schwierig.
-
- Constance:
Das hat seine Vor- und Nachteile. Sie ist ja nun auch politisch
engagiert. Und ich bin hier politisch aktiv und wenn wir uns
dann treffen, reden wir meistens wieder über Politik.
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- LUST: Dann
kann es unmöglich ein Überdruss an Zusammensein geben,
wenn ihr euch so selten seht.
- Constance:
Das ist wohl wahr. Dafür haben wir vor, dieses Jahr zusammen
in Urlaub zu fahren.
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- LUST: Oh, oh.
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- Constance:
(lacht) Genau, wir sind auch beide gespannt darauf.