60. LUST, Juni/Juli 00
Inteview mit Valerian
 
Gesucht: ein normaler schwuler Mann
Wir, die LUST-Redaktion, wollten es anders machen als die anderen Blätter, die Prominente interviewen.

Solche Prominenten sagen uns nämlich mit viel Worten meistens gar nichts. Jede inhaltliche Aussage könnte ja ihrem Ruf abträglich sein. Besser ist es da, nichts auszusagen, damit man sich nicht festlegt. Bei unserem Suchen nach dem normalen Schwulen trafen wir auf Valerian (Künstlername) und luden ihn zu einem Interview ein. Dabei merkten wir: Es ist sehr schwierig, den normalen Schwulen zu finden. Jeder ist etwas Besonderes und daher auch prominent. Die Fragen für die LUST stellte Joachim.
 
LUST: Valerian, bist Du eine normaler Schwuler?

Valerian: Ich bin ein Mensch, der sich gerne mitteilt, der kommunikativ ist und gerne mit anderen Menschen ins Gespräch kommt.

LUST: Zu welchem Zweck?

Valerian: Um andere Menschen kennenzulernen ...

LUST: Und das wollen normalerweise alle anderen auch.

Valerian: Ja, schon, gell? Aber ich bin auch ein guter Zuhörer.

LUST: Siehst Du Dich als Künstler?

Valerian: Ja! Mein Leben war immer kreativ bestimmt. Meine Eltern haben mir Freiräume gelassen, kreative Dinge umzusetzen.

LUST: Und nun sieht man, was dabei rauskommt?

Valerian: Ja, genau. Ist schon beängstigend. Aber Gottseidank machen das ja nicht alle.

LUST: Was unterscheidet Dich nun von den normalen Schwulen?

Valerian: Gibt es normale Schwule? Nee! Ne?

LUST: Der Martin Dannecker hat mal mit Reimut Reiche zusammen einen riesigen Wälzer geschrieben, Der gewöhnliche Homosexuelle.

Valerian: Es tut mir leid, dieses Buch kenne ich nicht.

LUST: Vielleicht bist Du nicht alt genug dazu. Darf ich Dich fragen, wie alt Du eigentlich bist?

Valerian: Nee, das lassen wir lieber. Also gut, ich bin 32 Jahre. Dazu stehe ich. Ich habe keine Probleme mit dem Alter.

Lust: Naja, wenn man so jung ist wie Du, kann man doch auch keine Probleme haben.

Valerian: Nee, das fängt wahrscheinlich erst nächste Woche an. Also ich meine, jeder Mensch hat so seine Macken, seine Stärken und Schwächen. Ich unterscheide mich durch meine Macken, Stärken und Schwächen von all den anderen mit ihren Stärken und Schwächen.

LUST: Du bereitest eine CD vor. Was ist darauf zu hören?

Valerian: Das ist ... (lacht), die ist gottseidank noch nicht fertig. Ich hab `nen Casting gemacht, für eine Fernsehgeschichte, und einer dieser Menschen sprach mich nach dem Casting an, dass ein Bekannter von ihm gerade jemanden suchen würde, der ein bisschen durchgeknallt ist. Es ging darum, alte deutsche Schlager aufzunehmen. Die aber nicht gesungen, sondern gesprochen, und möglichst schwul.

LUST: Schwul heißt hier vertuckt?

Valerian: Vertuckt und überzogen. Wir haben „Ein Schiff wird kommen“ und „Zwei kleine Italiener“ aufgenommen. Mal ein bißchen Ricky-Martin-mäßig und einmal im Soft-Techno-House-Bereich, das war `ne tolle Erfahrung, die ich weiter verfolgen will. Und dann gehe ich auch gerne von Casting zu Casting...

LUST: Casting heißt doch, dass man mit Dir Fotos macht, also als Model...

Valerian: Nee, nicht als Model, sondern im Bereich Fernsehen..
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LUST: ...dass du deine Bizeps zeigst...

Valerian: Nee, da hab ich doch garnichts von. Ich bin doch eher das Modell „flach“ und in ein Fitness-Studio habe ich mich nie reingetraut, weil ich mir denke, die Hantel ist schwerer als ich.

LUST: ... also dann eher erotische Fotos mit Dir...

Valerian: Naja, gut, also ich hab das schon mal gemacht. Der wollte dann Fotos, nackt und in Action, aber ich habe da keine Malessen mit gehabt.

LUST: Bist Du vielleicht ein bißchen exhibitionistisch?

Valerian: Ja. Ich habe mich jetzt auch bei Big Brother beworben. Das ist kein Witz. Ich habe auch `nen bunten Lebenslauf. Wenns was werden würde, das würde mich ja total freuen. Bis jetzt haben sie eher Prolos dringehabt und hochgebildete blonde Mädels. Ich vermisse da eigentlich unseren Bereich.

LUST: Ich hab Dich vor zwei Jahren am 1. Mai im ÖTV-Block mitlaufen sehen ...

Valerian: Ja. Naja, ich habe beim Musical Sunset Boulevard mitgearbeitet, ich war da auch im Betriebsrat und das war damals eine Super-Verlade. Da lohnte es sich, für 233 Arbeitsplätze zu kämpfen.

LUST: Es gibt einen ewigen Streit, dass „wahre Kunst” unpolitisch zu sein habe, um etwas Bleibendes hinterlassen zu können.

Valerian: Nö, Ich glaube das war schon immer so, dass die politischen Ereignisse die Künstler angeregt haben. Shakespeare war seinerzeit politisch und ist heute noch von keiner Bühne wegzudenken. Vielleicht sind die politischen Ereignisse heute anders, was oberflächlich gesehen den Zugang erschweren müsste, aber er hat ja dabei Aussagen von allgemeinen Wert gemacht. Es besteht auch immer wieder der Bedarf, Stücke von Shakespeare neu zu verfilmen.

LUST: Bist Du, wenn Du in der Szene rumziehst Du, oder ein Schauspieler?

Valerian: Sich nach einer Schublade zu verhalten, weil Du das Leben ja ohnehin auf der Stirne kleben hast, das hat mich eigentlich immer gestört. Ich höre den Leuten auch gerne zu und stecke sie nicht in Schubladen.

LUST: Das ist ja das Schlimme. Wir haben eine Szene voller Individualisten und jeder mißgönnt dem anderen seine Individualität.

Valerian: Ich, Valerian, muß dann laut und schrill sein. Eigentlich traurig. Ich ziehe halt an, was ich denke und wie ich mich fühle. Ich hasse graue Anzüge, auch wenn ich selbst manchmal einen anhabe, ich laufe auch mal im Wickelrock rum. Ich finde, dass das auch kein Verstecken ist, wenn du dich anders kleidest, als es das männliche Gardemaß erlaubt.

LUST: Was meinst Du zu der politischen Forderung, dass Schwule bei der Bundeswehr von ihrer Karriere nicht mehr ausgeschlossen werden?

Valerian: Ja, das ist jetzt so eine Sache, das habe ich nicht verstanden. Ich war ja nie bei der Bundeswehr, ich war denen zu „männlich”. Das kann ich nicht nachvollziehen. Ich hatte den Bezug zur Bundeswehr nie, weil ich auch Gewalt in jeder Form ablehne. Ich bin auch schon auf dem Nachhauseweg einmal zusammengeschlagen worden ...

LUST: Von wem denn?

Valerian: Von zwei ausländischen Mitbürgern, die antischwule Sprüche gerufen haben. Die Nationalität weiß ich gar nicht. Ich hatte auch nicht das Interesse dazu. Ich hatte dann 9 Wochen zuhause gelegen mit gebrochenen Rippen und gebrochenem Kiefer. Also ich bin ganz gegen Gewalt.

LUST: Und das Recht auf Verteidigung? Die Bundeswehr firmierte doch, zumindest früher, als reine Verteidigungsarmee.

Valerian: Also Verteidigung schließt ja Gewalt ein. Und die Leute bei der Bundeswehr sind ja nur ausführend. Was und wen die zu verteidigen haben, das bestimmen die ja nicht selbst.

LUST: Meinst Du nun, dass Du, wie du lebst, denkst und Dich darstellst, ein Einzelfall bist?

Valerian: Ich glaube, solche Leute wie mich gibt es sicher in jeder Stadt. Ich finde es auch gut, darzustellen, das man so sein und leben kann wie ich.

LUST: Also, du bist einer von den ganz normalen Schwulen ...

Valerian: Genau, einer von denen, die das Kontrastprogramm dazu bringen.
 
Valerian nimmt gerade eine eigene CD auf (Näheres, wenn sie da ist, in unserer Internet-LUST). Er hat bei einem Internet-Mitbewerber eine Kolumne (http://www.gaytown.de/valerian.htm) und mir liegen zwei selbst verlegte Bücher vor, das eine hat eher einen ironischen Tagebuch-Charakter, Ihr könnt Euch auf S. 26 davon überzeugen (O. Wagner: Zuerst Valerian, Titel: Zuerst Valerian, ISBN 3-9802248-0-5, 15 DM). Das andere (O. Wagner: Weltkinder, ISBN 3-9802248-1-3, 16 DM) bringt Lyrik und Prosa und ist eher nachdenklich.
Valerian wird ab der nächsten LUST von uns die Möglichkeit haben, seine Sicht der Dinge in einer Kolumne vorzustellen. In seiner Kolumne wird die Welt aus der Sicht schwuler Selbstinszeneirungen kommentiert.