- Interview mit wem denn?
Für die LUST befragt hier Joachim
den ..., der in Mainz einen Buchladen eröffnet hat, in dem
Lesben und Schwule fündig werden können. Wie heißt
der Buchladen doch gleich?
- LUST: Ich glaub'
du heißt Michael?
-
Wer ich? Ich heiße Andreas! Wie der Laden heißt,
das weißt du? Das ist doch fast das Wichtigste, wenn man
an die Promotion denkt.
-
- LUST: Seit
wann existiert denn der Laden?
-
- Andreas: Seit
dem 14. August 1999. Also seit fünf Monaten.
-
- LUST: Konnte
denn schon ein Kundenstamm entstehen?
Andreas: Ja, das ist schon ganz schön, der Kundenstamm
hat sich entwickelt und weitet sich immer mehr aus, über
die schwulen Grenzen hinaus.
LUST: Wie bist du denn auf die Idee gekommen, ausgerechnet
einen Buchladen und ausgerechnet in Mainz aufzumachen?
Andreas: Das ist eigentlich mehr zufällig passiert,
denn ich konnte hier im Frühling dieses Ladenlokal mieten.
Ich kannte die Vorbesitzerin und die meinte: "Mach' doch
was Schönes draus", ihr Herz hat an dem Laden gehangen
und so habe ich was Schönes draus gemacht.
LUST: Und der Buchladen richtet sich
an gemischtes Publikum?
Andreas: Das ist ein allgemeines Sortiment, das sich an
ein gemischtes Publikum richtet mit einem Schwerpunkt auf schwuler
und lesbischer Literatur und Theater- und Film-Literatur.
LUST: Also durchaus sinnvoll für eine Stadt wie Mainz
mit ihrer Uni und ihren Kulturbetrieben. - Es gibt in Mainz doch
noch einen linken Buchladen, den Cardabela Buchladen. Siehst
du den als Konkurrenz an?
Andreas: Überhaupt nicht. Ich verstehe mich auch
nicht als linken Buchladen oder alternativen Buchladen. Sicher
hat er einen alternativen Touch. Ich habe auch sehr zögernd
Frauenliteratur reingenommen, um den Cardabelas keine Konkurrenz
zu machen. Und nun ist es so, daß immer häufiger Lesben
reinkommen und nach ihrer Literatur fragen und deshalb werde
ich im Frühjahr das Sortiment für Lesben erweitern.
LUST: Es hat sich ja herausgestellt,
dass reine Frauenbuchläden oftmals doch kein umfassendes
Sortiment für Lesben haben.
- Andreas: Das
kommt noch dazu. Der Cardabela ist in seiner Frauenecke für
die Lesbenliteratur nicht besonders ausgedehnt. Von daher konkurrieren
wir gar nicht miteinander.
LUST: Wir haben ja hier schon zweimal vorher geschnüffelt
und uns hat das Sortiment sehr gefallen. Eben weil es einen kleinen
alternativen Touch hat.
Andreas: Der hat sich automatisiert
und ist nicht bewußt entstanden. Natürlich spiegelt
sich eine persönliche Einstellung auch im Sortiment wieder,
da ich das im Moment ja noch alleine gestalte.
- LUST: Ich sehe
hier einen gemütlichen kleinen Laden mit schönen gemütlichen
Korbsesseln, Tischen auf denen Bücher präsentiert werden
und natürlich die Regale ...
- Andreas: ...
und ein Klavier ...
LUST: Und in den Regalen sieht man ja im wesentlichen
die Buchrücken, denn das ist ja ein Problem ...
Andreas: ... des Platzes. Und ein Klavier, hast du das
Klavier?
LUST: Was natürlich nett wäre, wäre so
eine Ecke wo man Kaffee trinken kann.
Andreas: Das ist schwierig. Also ich biete Kaffee und
Tee gerne an, auch jedem Kunden. Wollt ihr was? Wenn ihr da hinten
in dieses Chaos schaut, da gab es sowas schon mal. Aber ich brauche
diesen Platz als Lager. Das wird alles noch etwas umstrukturiert.
Trotzdem finden hier unsere samstäglichen Sektfrühstücke
statt. Die haben sich schon eingebürgert. Wir machen am
Samstag ab 11.00 Uhr auf. Da kommt wer kommen will und bringt
Sekt mit. Ich habe auch immer Sekt im Kühlschrank und wir
kochen Tee und das Frühstück wird dann mitgebracht
oder gemeinsam geholt ...
- LUST: Und wie
trennst du die Butter von den Büchern?
Andreas: Das funktioniert eigentlich, da sind die Leute
sehr diszipliniert.
LUST:
Da sind wir ja leider mit unseren Infoständen anderes gewöhnt.
- Nun gibt es in Frankfurt einen Buchladen, der sich an die schwule
und lesbische Szene wendet und dort gibt es auch viele erotische
Artikel.
Andreas: ... und Hefte und Videos und Bildbände.
LUST: Und wie sieht es bei Dir damit aus.
Andreas: Also Pornographie findet man bei mir nicht. Man
findet Bildbände in einer angemessenen Relation zum Sortiment,
erotische Fotografie und Kunstfotografie. Ich bestelle natürlich
gerne alles auf Wunsch, auch Pornogaphisches. Wer das möchte,
das kann auch ganz diskret gemacht werden. Das kommt auch nicht
ins Schaufenster. Es soll klar gemacht werden, dass das keinen
schwulen Buchladen ausmacht, sondern nur ein Teilaspekt darstellt,
den ich nicht zu stark bewerten möchte.
- LUST: Nun gibt
es ja solche Toys, also Fähnchen, Anstecker, Gleitcreme
usw. Hast du so etwas auch?
Andreas: Anstecker, Regenbogenfahnen usw. gibt es und
wird es geben? Es gibt keine Toys für sexuelle Spiele. Es
gibt kein Gleitgel. Es gibt Gummis nur wenn die Aids-Hilfe eine
Veranstaltung macht. Aber ansonsten ist es ein Buchladen und
kein Sexshop.
LUST: Gibt es in Mainz eigentlich einen schwulen Sexshop?
Andreas: Es gibt Sexshops, die ein schwules Sortiment
führen aber es gibt keinen schwulen Sexshop. Aber man kriegt
alles in Mainz, was man braucht.
LUST: Es gibt also zwischen dir und der Aids-Hilfe eine
gute Zusammenarbeit.
Andreas: Wir machen hier im Prometheus
Veranstaltungen zugunsten der Aids-Hilfe.
LUST: Ach, Prometheus heißt der Buchladen.
Andreas: Kuck an, jetzt fällt's mir auch wieder ein.
- Also bei den Veranstaltungen wird Geld für die Aids-Hilfe
gesammelt. Das funktioniert ganz gut. Es handelt sich um Lesungen
oder musikalische Veranstaltungen. Es gehen hier maximal 35 Leute
rein und dann kann schon was zusammenkommen.
LUST: Bei 35 Plätzen können Lesungen mit bekannten
AutorInnen kaum möglich sein, denn die wollen ja Geld für
ihre Lesungen haben.
Andreas: Ja, das stimmt. - Ich habe einen guten Draht
zum Staatstheater Mainz, so dass schon Schauspieler hier gelesen
haben. Die haben das bisher alle unentgeltlich gemacht. Herzlichen
Dank auch an dieser Stelle an die Künstlerinnen und Künstler,
die hier was gemacht haben. Auch Schauspielschüler von der
Theaterwerkstatt haben hier schon was gemacht. Das sind immer
richtige kleine Kabarettprogramme, also mehr als Lesungen. Ich
werde dieses Jahr auch mit Autoren beginnen und das ist natürlich
sehr schwer, da hast du recht. Die wollen eine Gage haben, eine
adäquate Unterkunft, ihre Fahrt bezahlt bekommen, wollen
verpflegt werden und was auch immer. Da ist man ruckzuck bei
1.000,- Mark. Und das kriegt man nicht rein, das ist ganz klar
ein Minus-Geschäft.
Hier finden auch Diskussionen statt. Ein wichtiger Aspekt des
Konzeptes von Prometheus ist die Kommunikation. Wenn eine Lesung
um zehn Uhr zuende ist, dann ist es schon vorgekommen, dass die
Leute bis zwei, drei Uhr mit Rotwein hier geblieben sind und
diskutiert haben. Hier finden sich Gruppen zusammen, die oftmals
nach Geschäftsschluß, wenn es möglich ist, hier
bleiben und diskutieren. Das passiert auch bei den Sektfrühstücken
am Samstag, das immer recht politisch und literarisch ist. Die
Atmosphäre zwischen den Büchern ist persönlicher
und anregend und deshalb sehe ich noch keine Veranstaltungen,
die ich außerhalb des Buchladens in angemieteten Räumen
durchführen möchte.
LUST: Gibt es schon Kontakte und Vernetzungen mit anderen
Teilen der Szene?
Andreas: Ja (zählt Gruppen und Betriebe auf, mit
denen schon Kontakte bestehen). Und das soll im Frühjahr
weiter ausgebaut werden. Ich will hier mehr bewegen als nur Bücher
zu verkaufen. Ich biete Foren. Die KünstlerInnen können
machen, was sie wollen, sofern es keine pornographische Richtung
hat oder eine gewaltverherrlichende oder eine zu konservative
oder rechtsextreme Richtung.
LUST: Was ist mit Gewalt, die einvernehmlich stattfindet?
Andreas: Du meinst Sadomasochismus, das ist o.k. Gewaltverherrlichung
definiere ich so, dass eine Person dies nicht will und darunter
leidet. Wenn jemand gerne leidet in einem SM-Spiel, ist es die
freie Entscheidung. Ich habe auch Literatur über SM hier.
LUST: Du bist also gegen Ausgrenzung
von Teilen unserer Szene.
Andreas: Ich bin ganz vehement dafür, dass es eine
viel stärkere Zusammenarbeit z.B. zwischen Schwulen und
Lesben gibt, interkulturell. Auch zwischen den Schwulen. Wenn
z.B. 25-jährige mit 50-jährigen nichts zu tun haben
wollen, das geht gegen alles. Das darf nicht sein.
LUST: Wenn ein 25-jähriger vermeidet, mit einem 50-jährigen
eine Bekanntschaft zu haben, weil er befürchtet, dass es
sexuell wird, dann sei ihm dies doch gegönnt. Oder?
Andreas: Ja, sicher.
Aber die Gefahr liegt darin, dass dies zu einer Ideologie wird
und man nur dem Mainstream nachrennt und nur für gut erachtet,
was jung und hübsch daherkommt wie die Models aus den Büchern
und dadurch bestimmte Leute ausgegrenzt werden.
LUST: Es lässt sich ja beobachten, dass Models sich
nicht an den Menschen orientieren, wie sie sind, sondern dass
die Menschen sich an den Models orientieren und merkwürdige
Operationen stattfinden, Penisverlängerungen und Brustimplantate,
weil man bei einem normalen Menschen den Eindruck haben soll,
dass uns etwas entgeht.
Andreas: Ja, das ist absolut absurd.
Das geht gegen jede Menschlichkeit. Es ist alles schön und
gut: Jeder soll seine Präverenzen haben, wer auf Jüngere
steht oder Models oder den Waschbrettbauch. Aber wenn es zum
Leitbild wird, dann ist es gefährlich. Man kann eigentlich
nur dagegen arbeiten.
LUST: Wie alt bist du eigentlich?
Andreas: 21 Jahre. - Man kann nur hoffen, dass es noch
ein paar vernünftige Wesen auf dieser Erde gibt, die sich
nicht von Oberflächlichkeit blenden lassen. Und das ist
es, was ich als Gefahr in der Schwulenszene sehe, dass eine große
Oberflächlichkeit nicht nur Einzug hält, sondern wirklich
schon eingezogen ist. Jeder sollte das für sich mal in Frage
stellen und darüber nachdenken, dass Schwulenszene nicht
nur Schickimicki ist.
LUST: Welche Veranstaltungen finden in der nächsten
Zeit statt?
Andreas: Am Samstag, 26. Februar liest Moritz Stöpel,
der hier am Haus in Mainz Schauspieler war "Ach Kerl, ich
krieg' dich nicht mehr aus dem Kopf". Ein Programm über
die Liebe, natürlich die schwule Liebe, mit franzöischen
Chansons, Clownerie, großer Schauspielkunst und kabarettistischen
Einlagen zugunsten der Aids-Hilfe. Karten zu 20,- und 15,-DM,
die sind zugunsten der Aids-Hilfe etwas höher. Normalerweise
kosten sie 15,- und 12,- DM. Es lohnt sich auf jeden Fall, es
sind volle zwei Stunden Programm. Am 18. März wieder Moritz
Stöpel mit einer Freundin, mit Ella Schwarzkopf, einer Schauspielerin
aus Russland, die werden einen Tschechow-Abend machen. Nichts
Schwules. Und die Autorenlesung, die im Frühjahr kommen
soll, das wird eine lesbische Autorin sein, im Zuge des Ausbaus
des lesbischen Sortiments.
LUST: Danke für das Interview