54.Lust: Juni/Juli 99
Fiktives LUST-Interview
Das Open Ohr Festival ist in die Jahre gekommen. Zum 25. Mal findet es in Mainz statt, und zwar auf der Zitadelle. Die ROSA LÜSTE ist seit ca. 20 Jahren hier ständiger Gast mit einem Infostand, teilweise auch auch als Anbieterin von inhaltlichen Beiträgen, so zusammen mit Radio QUER mit einem Diskussionsforum über die PorNo-Kampgne der Emma, dann mit der 1. und der 2. Sexumfrage und schließlich mit einer Veranstaltung zum Vorstellen der Ergebnisse der ersten Umfrage. Dieses Mal ist die ROSA LÜSTE selbstverständlich wieder mit einem Infostand anwesend.

LUST:
Jahr für Jahr sieht man hier Euren Infostand. Joachim, warum seid Ihr immer hier anzutreffen?

RoLü: Aber Joachim, das weißt du doch. Das Open Ohr Festival ist noch ein politisches Festival. Da fühlen wir uns als politische Gruppe wohl. Jedes Jahr gibt es ein politisches Motto, zum dem dann viele Diskussionsveranstaltungen und Aktivitäten zu diesem Thema stattfinden. Dieses Jahr ist es das Motto "Macht gegen Macht". Wie es der Zufall will, arbeiten wir in der ROSA LÜSTE gerade an diesem Thema, zum Beispiel mit dem Großen Ratschlag, weil in der Lesben- aber besonders in der Schwulenbewegung eine Entwicklung zu verzeichnen ist, die erkennen läßt, daß die Gegenmacht, die man zugunsten selbstbestimmten Lebens aufbauen wollte, zum Teil der etablierten Macht wurde.

LUST: Ihr seid Gründungsmitglied und gehört zur Anbietergemeinschaft der Medieninitiative Radio Quer. Radio Quer ist zur Zeit als lokaler Mainzer Veranstaltungssender on Air. Habt Ihr auch Sendungen vorbereitet?
 
RoLü: Dieses Mal nicht. Das war nicht zu schaffen. Die Leute wissen gar nicht, wieviel Arbeit das Sprechen, Zusammenstellen und Schneiden einer Radiosendung macht. Wir sind mit dem 2. Großen Ratschlag, der Vorbereitung der 54. LUST und diesem Infostand im Moment bei unserer kleinen aktiven Personalbestand ausreichend eingebunden. Frage also den Pierre von Radio QUER genauer nach dieser 1. Möglichkeit für diese Medieninitiative, zu senden.

LUST: Pierre, was macht Ihr hier?

Pierre: Seit vielen Jahren stehen wir mit unseren Infoständen auf vielen Festivals, um uns als linke alternative Medieninitiative in der Szene bekannt zu machen. Du weißt doch, daß wir letztes Jahr auch beim Wiesbadener CSD waren, den Ihr noch gemacht habt. Wir hatten vor, eine Woche lang Veranstaltungsradio zusammen mit der ROSA LÜSTE zu machen, die ja in den letzten Jahren immer eine ganze CSD-Woche machte, an jedem Abend in einem anderen Lokal und zum Abschluß das große Fest im Schlachthof. Das hätte uns die Gelegenheit gegeben, an jedem Abend aus einem anderen Lokal zu senden. Aber daraus wurde dann nichts.

LUST: Ja, das war ein problematischer CSD. Unsere Hauptattraktion, eine Köln-Bonner Gruppe, hatte wenige Tage vorher absagen müssen, weil ein Hauptakteur verstorben war. Da mußten wir auch noch im Programm improvisieren. Hinzu kamen sehr unfaire und feindselige Aktivitäten von Leuten, die eine andere Art von CSD machen wollten, was sie ja jetzt auch tun. Aber zurück zu Euch. Wann sendet ihr?

Pierre: Wir senden noch bis Pfingstmontag um 24 Uhr auf Frequenz 106,6. Schade, daß Ihr gerade bei dieser ersten Sendemöglichkeit nicht mitmachen könnt. Wir haben uns zusammen schließlich über 10 Jahre lang für die Möglichkeit, ein nichtkommerzielles Lokalradio zu machen, eingesetzt. Und dieses Festival mit seinen vielen Programmpunkten und dem hervorragenden Musikprogramm auf der Hauptbühne bietet gute Möglichkeiten für unsere Arbeit.
 
LUST: Reinhard Hippen, du bist Mitbegründer des Open Ohr Festivals. Aus welchen Anfängen entstand es und hat es sich so entwickelt, wie Du es gewollt hast?

Reinhard: Es haben sich verschiedene Leute zusammengetan, vom Ingelheimer Folkfestival bis hin zu politischen motivierten Leuten. Ja, es ist ein Festival, was sich so entwickelt hat, wie ich es wollte. Wir wollten die Hörkultur verändern. Mit guter Musik wollten wir gegen die Plattheit des Schlagers vorgehen, das kam aus dem Liedermacherverständnis.

LUST: Andreas Meder, du gehörst zur derzeitigen Projektgruppe. Ist das Open Ohr Festival noch immer ein politisches und alternatives Festival?

Andreas: Es ist wohl nicht mehr so alternativ wie früher. Aber die Gesellschaft wird immer mainstreamiger, daher ist das Open Ohr Festival noch immer alternativ.

LUST: Mark Terkessidis, du bist Mitarbeiter der Musikzeitschrift SPEX. Wie stehst Du zu dieser Frage?

Marik: Das Festival hat es geschafft, 25 Jahre lang Kritik an gesellschaftlichen Prozessen miterlebbar zu machen. Das ist eine gewaltige gesellschaftspolitische Leistung. Und wie man sieht, es lebt und ist immer noch jung. Das hat ja Rolf Schwendter in seinem Liedvortrag sehr anschaulich vorgetragen.

LUST: Bei jedem Festival bist Du anwesend, Rolf, und für viele junge BesucherInnen bist Du der dicke alte Mann mit der Plastiktüte. Aber du moderierst, trittst als Liedermacher auf und das ist ein Teil anderer Hörgewohnheiten und auch Sehgewohnheiten in einer Zeit, in der sich die Leute wieder nach äußeren Attributen sozial einordnen. Wieviel Doktortitel hat Du eigentlich unterdessen, drei?

Rolf: Ja, aber ich halte solche Aussagen für zweitrangig und uninteressant. Aber wenn es deine Leser und Leserinnen interessiert, ich unterrichte als Hochschullehrer an der Gesamthochschule Kassel zur Zeit über Subkulturen.

LUST: Ist das Festival noch immer politisch?

Rolf: Es ist meiner Meinung nach immer noch sehr politisch. Das hängt sicher damit zusammen, wie man "politisch" definiert. Liebe, Lust und Leidenschaft sind politische Themen. Vier Tage Heimat, das ist das Festival für viele politische Leute.

LUST: "Theorie der Subkultur" ist ein bemerkenswertes Buch von dir, das ich nur empfehlen kann. Hieraus stammt das Zitat: "Während wir warten, wird die Utopie nicht besser". Macht eine gute Utopie eine Subkultur aus?
 
Rolf: "Eine Subkultur unterscheidet sich hinsichtlich ihrer Werte, Normen usw. von der eigentlichen Kultur. Das unterscheidet Subkulturen auch von Teilkulturen, z.B. den Kaninchenzüchtern. Ich unterscheide in freiwillige Subkulturen, wie zum Beispiel die Jugendkultur und unfreiwillige Subkulturen, wie zum Beispiel solche aufgrund der Armut oder Psychiatrieerfahrene. Ich könnte noch unterscheiden in rationale also "verkopfte" und emotionale, also "verbauchte" Subkulturen.

LUST: Sind die Subkulturen zur Zeit am Ende?

Rolf: So lange es eine arbeitsteilige urbanisierte Gesellschaft gibt, gibt es auch Subkulturen. Aber einzelne Subkulturen haben entweder ihre Träume erreicht oder haben auf andere Weise ihre Bewegung verloren. Auch wenn Subkulturen erfolgreich zum Ende gekommen sind, sind neue Träume nötig. Im Schoß sterbender Subkulturen entstehen dann oftmals neue Subkulturen. Ein untrügliches Zeichen dafür, daß eine Subkultur ihre Bewegung verloren hat und an ihr Ende kommt, ist ihre Kommerzialisierung. Denke nur mal an die Raver. Die Kommerzialisierung der Love-Parade deutet auf das Ende der Raver-Subkultur hin. Subkulturen sind nicht Gegenmacht, um im Thema des Festivals zu bleiben, sondern eher eine Gegenhilfslosigkeit.

LUST: Gibt es eine definierte Grenze zwischen Kultur und Subkultur?

Rolf: Gegen-Normen sind das Grenzfeld zwischen Kultur und Subkultur. Jugendsubkulturen haben oftmals eine andere Sprache, andere Musik usw. Sie verschwinden dann aufgrund der Schwierigkeiten, in einer Gesellschaft mit anderen Werten den eigenen Lebensstil beizubehalten, zum Beispiel wenn man sich an das Berufsleben gewöhnen muß oder wenn sich eine Jugendszene in Ehen und Familien aufteilt.

LUST: Es gibt also viele unterschiedliche Subkulturen. Aber man erfährt eigentlich von ihnen nicht so viel.

Rolf: Wenn man zum Beispiel ein gewaltfreies nichtaktionistisches Politikverständnis hat, wie zum Beispiel auch ich, wird man in den Medien selten wahrgenommen. Es gibt fortschrittliche und rückschrittliche Subkulturen. Die rechtsradikale Jugendkultur ist die zur Zeit erfolgreichste Subkultur mit eigener Musik usw.

LUST: Was hältst du von akzeptierender Sozialarbeit?

Rolf: Ich bilde ja in Kassel Sozialarbeiter aus. Die akzeptierende Sozialarbeit, bei der die rechtsradikalen Strukturen und Ansichten akzeptiert werden, vielleicht sogar von einem Sozialarbeiter, der die gleiche Ansicht hat, kann nicht der richtige Weg sein. Ich habe damit schon Erfahrung. Aber ich habe darauf bestanden, daß feste Regeln eingehalten werden, so daß auch ich zu Worte kommen konnte und sie zugehört haben, daß keine Gewalttätigkeiten stattfinden usw. Nach einiger Zeit änderte sich durch den Dialog ihre Meinung. Rechte Jugendsubkulturen sind nichts Neues. So etwas gab es auch schon einmal in den 50er Jahren. Sie entwickeln z.B. einen Zahlencode für verbotete Wörter, z.B. 88 für zweimal den achten Buchstaben usw.
Die religiösen Subkulturen sind auch noch lange nicht am Ende. Auch die sexuellen Subkulturen sind noch lebendig. man denke nur an den Christopher-Street-Day der Schwulen und Lesben. Allerdings ist auch hier eine Kommerzialisierung zu erkennen, die auf die Gefahr hinweist, daß diese Subkultur ihre Identität verlieren kann. Schließlich müssen wir noch an die ethnischen Subkulturen denken, die immer weiterleben, da Integration nicht wirklich erwünscht ist.

LUST: Mark, würdest Du diese These bestätigen? Du arbeitest doch wissenschaftlich auch an diesem Thema.

Mark: Das kann ich bestätigen. Wegen meines Familiennamens (Terkessidis) muß ich mir schon recht seltsame Dinge anhören. Jemand meinte einmal im Sommer bei fast 40 Grad, daß ich doch recht gut damit zurechtkommen müsse. Jemand anderes äußerte etwas über einen familiären Multi-Kulti-Hintergrund. In den Medien ist die Zugehörigkeit immer noch mit Maier oder Schulze verknüpft. Wenn dieses Festival eine Gegenöffentlichkeit darstellt, dann ist das Fehlen von Migranten bezeichnend.

LUST: Ist das Festival eine Gegenöffentlichkeit oder eine Subkultur?

Rolf: Ich würde lieber definieren, eine Szene. Aber diese Szene ist ein Treffpunkt von Subkulturen. Ich vermisse hier auch die Subkulturen aus Armut.

LUST: Ute Ries, du arbeitest im Wiesbadener Flüchtlingsrat. Welche Arbeit leistet Ihr?

Ute: Um eine politische Arbeit machen zu können, muß man das Ganze zuerst einmal finanzieren können. Und da liegt es bei uns im Argen. Kaum jemand weiß, daß Migranten einem Beschäftigungsverbot unterliegen und kein Geld haben. Anfänglich ging es bei unserer Beratungstätigkeit im wesentlichen nur um soziale Fragestellungen, jetzt geht es zunehmend um Abschiebungen. Mohammed Siclibe kann etwas daüber erzählen, wie das mit der Karawane funktioniert.

Mohammed: Die Karawane für Flüchtlinge und MigrantInnen ist ein bundesweites Projekt. Wir wollen die Vernetzung antirassisitischer Gruppen erreichen und sind deshalb in 44 Städte gezogen.

LUST: Stimmt. Als Ihr in Wiesbaden wart, hatten wir gerade einen Kleinen Ratschlag durchgeführt und sind am Abend auf das Fest der Karawane im Schlachthof gekommen. War die Karawane bisher erfolgreich?

Mohammed: Sie war ein erfolgreiches Projekt. Wir konnten verdeutlichen, daß deutsche Unternehmen an der Unterdrückung in den Herkunftsländern der Flüchtlinge beteiligt sind. Deutsche und andere europäische Regierungen unterstützen die Regierungen, die durch Ausbeutung und Unterdrückung erst die Flüchtlinge schaffen.

LUST: Herbert Leuninger, wie erklärst du dir das immer härtere Vorgehen der Behörden?

Herbert: Mit der Festung Europa. Es gibt das Konzept der Regionalisierung des Flüchtlingsproblems. Europa will seine eigenen Privilegien gegen den Rest der Welt verteidigen. Dazu braucht es zur Zeit die NATO.

LUST: Und damit sind wir beim NATO-Krieg gegen Jugoslawien angekommen. Thomas Ebermann, du warst lange Zeit bei den Grünen.

Thomas: Die Grünen sind eine Partei geworden, die den imperialistischen Krieg mitträgt. Eine seltsame Wandlung hat da die "Friedensbewegung" genommen.

Ralf: Die Formulierungen Imperialismus und imperialistisch sind überholt. Wir können nicht zulassen, daß solche Menschenrechtsverletzungen wie die Vertreibung der Kossovo-Albaner in Europa stattfinden.

LUST: Das ist die Auffassung von Ralf Fücks von der Heinrich-Böll-Stiftung. War es nicht so, daß die eigentliche Vertreibung erst nach dem Beginn der Bombadierungen duch die NATO begann? Bitte Thomas, du hast noch immer das Wort.

Thomas: Solche imperialistischen Kriege werden immer mit Menschenrechtsverletzungen begründet. Es kommt auf die Interessen an. Wenn sich zum Beispiel mit China unter gegenwärtigen Bedingungen gute Geschäfte machen lassen, wird man nicht eingreifen. Aber wenn die Gewinne aus diesem Geschäft zu niedrig sind, wird man die Unabhängigkeit von Tibet durchzusetzen beginnen, und zwar mit der Begündung der Wahrung der Selbstbestimmung der Völker, Schutz von Minedrheiten und Verhinderung von Menschenrechtsverletzungen.

LUST: Heide Rühle, du kandidierst als Spitzenkandidatin für die Grünen bei der Europawahl. Werdet Ihr Stimmenverlust hinnehmen müssen? Es deutete sich bei der hessischen Landtagswahl schon an, daß Ihr die Friedensbewegten und andere Strömungen, aus denen die Partei entstanden ist, verliert.

Heide: In Hessen haben wir die Wahl verloren, weil es der CDU gelungen ist, durch Basisarbeit auf der Straße ihre Wähler zu mobilisieren. Bei aller Kritik an der Unterschriftensammlung, die Grünen können daraus nur lernen. Wir müssen die Basis wiedergewinnen und motivieren. Die Partei und die Basis sind so weit nicht auseinander.