43. Lust: Aug/Sept 97
LUST-Interview mit Laurie Anderson
Laurie Anderson ist Bildhauerin, Buchautorin, Komponistin, Sängerin und eine der profiliertesten Performance-Künstlerinnen der USA. In ihren Werken beschreibt die "Geschichtenerzählerin" (Anderson über Anderson) vor allem das Spannungsverhältnis von Mensch und Technik, alten Mythen und moderner Kommunikation. Die 1950 in Chicago Geborene unterrichtete Kunstgeschichte an New Yorker Colleges, bevor sie 1972 mit ersten Konzerten und Performances In alternativen Kulturzentren der USA auftrat. Die "Multimedia-Tüftlerin" setzt sich fast kunstlos mit den politischen Zuständen in den USA seit dem Golf-Krieg auseinander (Freitag), zuletzt In Ihrer Performance "Voices from Beyond", einem reichlich unpatriotischen dreistündigen Streifzug über "Zensur, Macht, Kunst, Frauen, Aids und das Verschwinden des Kommunismus". Anderson, die einzige Performance-Künstlerin, die es von den Galerien, Discos und Lofts der Avantgarte zu einem großen Publikum nicht nur in den USA, sondern auch in Europa gebracht hat (Newsweek), hat sich mit gefühlvollen wie drastischen Songs zur Aids-Krise ("Sailor") und durch ihr Engagement bei Act Up die Hochachtung der ihr ohnehin zugeneigten intellektuellen Lesben- und Schwulenszene erworben. Sie veröffentlichte zahlreiche CDs und Bücher. Mit Ihrem Programm "The Speed of The Darkness" gastierte sie vergangenen April und Mai in Deutschland. Das Interview für die LUST führten Joachim Binotsch und Dirk Ruder, SCHLIPS
 
Das Telefon klingelt, und eine anonyme Stimme teilt mit, man sei unter hunderttausenden aufrechten US-AmerikanerInnen zu einem Mondflug auserwählt worden, in wenigen Wochen ginge es los. Bitte mit niemandem über die Angelegenheit sprechen, die Sache sei natürlich streng geheim. Eine Geschichte von denen, die Sie in ihrem neuen Programm "The Speed of The Darkness" erzählen. Unter der Dusche erfunden?
 
Laurie Anderson: Oh nein, das ist alles war. Das ist ja das Verrückte an dieser Welt, dieser Haufen bizarrer Dinge, die einem passieren. Man muß keine Surrealistin sein, um auf Sachen zu stoßen, die jenseits der eigene Vorstellungskraft sind. Diese Geschichte über den Trip zum Mond war in Wirklichkeit ein Wettbewerb, US-amenkanischer Raumfahrt-Unternehmen, eines davon Lockheed. Man wollte herausfinden, ob sich Mondflüge touristisch nutzen lassen Es stellte sich dann heraus, daß der ganze Flug nur simuliert stattfinden würde, und man hatte mich ausgewählt, Berichterstatterin bei so einem "Raumflug" zu sein. Und so war ich vier Tage mit etwa acht Leuten in einem ziemlich engen Raumschiff auf einer falschen Mondreise, rund um die Uhr von Kameras und Mikrophonen bewacht. Alle zwei Stunden mußte man Fragen beantworten wie "Geht's Ihnen noch gut?" und "Glauben Sie, daß andere Urlauber auch Freude an so einem Trip hätten?" Eine ziemlich blödsinnige Sache, aber ich liebe es, Jobs wie diese zu machen.
 
LUST: Die absurdesten Geschichten sind am wenigsten ersponnen?
 
Laurie Anderson: In meinem Programm erzähle ich nur eine einzige unwahre Geschichte: "When my Father died (dt.: Als mein Vater starb)". Meinem Vater geht es blendend. Ich habe ihm gesagt, daß er in einem Song vorkommen würde, also kam er in ein Konzert, hörte sich das an und sagte: "Mach' dir keine Sorgen, ich fühle mich gesund. Das Lied ist in Ordnung. es erinnert mich daran, wie mein Vater starb."
 
LUST: Sie haben Ihr Programm "Die Geschwindigkeit der Dunkelheit" genannt. Heißt das, wenn es eine Lichtgeschwindigkeit gibt, muß die Dunkelheit auch eine haben?
 
Laurie Anderson: Ich habe die Performance nachträglich den Mitgliedern der Heaven's Gate Group gewidmet. Jetzt, da der Komet Hale-Bopp sich entfernt und blasser wird, denke ich über diese Crew nach, wie sie, ausgerüstet mit Hochgeschwindigkeits-Nikes versucht, den Jetstream noch zu erhaschen, in der Hoffnung, sich in eine andere Sphäre zu katapultieren. Und ich denke über die Warnung nach: "Die Technologie wird die Menschheit zu einem ruchlosen Trip ins Nichts verleiten". Als Künstlerin, die Technik sowohl liebt als auch haßt, hoffe ich, daß meine Performance ein Trip in das Niemandsland ist, wo Menschen und Maschinen gemeinsam beginnen, eine neue Welt zuerschaffen.
 
LUST: In New York haben sie sich lange Zeit in der radikalen Aids-Organisation Act Up engagiert. Wie ist es dazu gekommen?
 
Laurie Anderson: Ich habe eine ganze Menge Benefiz-Konzerte für Act Up organisiert, weil die Leute einfach großartig waren-: Act Up war in seinen Anfängen, Ende der 80er Jahre, das Modell für politischen Aktivismus in den USA. Sie waren phantastisch organisiert und die einzige Gruppe, die wirklich wirkungsvoll arbeitete. Ihre Leute waren klug und ziemlich gerissen in dem, was sie taten. Mittlerweile sind sie nicht mehr so aktiv, ihre Arbeit ist mehr und mehr in der sozialer Netzwerke aufgegangen - was auf eine gewisse Art ihren Erfolg zeigt. Viele ihrer Vorschläge und Forderungen nach öffentlichen Geldern und sozialen Verbesserungen für Aids-Kranke konnten dank ihrer Anstrengungen inzwischen durchgesetzt. werden.
 
LUST: Sind sie durch ihr Act Up-Engagement in Amerika wie in Deutschland zur Ikone der intellektuellen Lesben- und Schwulenszene geworden?
 
Laurie Anderson: Es geht nicht um Lesben und Schwule, sondern um Leute, die sich als Individuen betrachten. Ich persönlich glaube nicht, daß Normierungen wie "männlich" oder "weiblich" viel Sinn machen. Die Homo-Szene bricht mit diesen Normen mutwillig. Was ich an der "gay community" so schätze, ist ihre Art der Freiheit und Freizügigkeit. Man macht sich über Autoritäten lustig oder Leute, die nichts anderes zu tun haben, als Rollenvorbilder nachzuahmen. Ich mag Leute, die nicht unbedingt das tun, was soziale Konventionen von ihnen verlangen.
 
LUST: Wie schätzen sie die aktuelle politische Lage in den Vereinigten Staaten ein?
 
Laurie Anderson: Etwas über die Politik zu sagen bedeutet, über Geschäfte zu reden. Die Regierung ist das Geschäft. Deshalb thematisiere ich in meiner Bühnenshow so häufig Dinge wie Technologie, Arbeit und Kontrolle. Nun, ich bin nicht naiv, ich habe die 60er erlebt, und ich glaube nicht, daß es grundsätzlich schlecht ist, anderen Leuten Dinge zu verkaufen - schließlich tun wir den ganzen Tag nichts anderes. Und die neuen Technologien sind immerhin der größte Markt des 20. Jahrhunderts. Die Leute werden ständig angehalten, immer mehr Zeug zu kaufen, mehr, mehr, mehr. Das interessiert mich. Kürzlich war ich in Italien, und ein paar Leute vom Massachusetts Institute of Technology kamen vorbei. Sie sagten zu den Italienern: "Wenn ihr nicht aufpaßt und den technologischen Anschluß verpaßt, werdet ihr bald digital obdachlos (digitally homeless) sein!" Die Italiener guckten sich erschrocken an: "Uuh, das klingt aber schlecht. Na ja, wenigstens können wir kochen." Ich spreche in meiner Arbeit viel über das Essen. "Hunger" und "Hunger nach immer mehr" gehören zusammen.
 
LUST: Ihr aktuelles Programm "The Speed of The Darkness" unterscheidet sich in der Bühnenkonzeption sehr von dem, was sie bislang gemacht haben. Stört es Sie, wenn die Leute irritiert sind?
 
Laurie Anderson: Nein, aber es ist mir wichtig, daß die Leute verstehen, was ich mache. Das Programm ist keine typische Show, weil es keine Requisiten, keine verführerischen großen Bilder und Leinwände, keinen Rauch, Laser und auch keine technischen Geräte auf der Bühne gibt wie sonst. Mit "The Speed of The Darkness" wollte ich etwas ganz Kleines machen, fast "nichts". Nun, was kann man mit "nichts" auf der Bühne machen? Ich wollte über die Kontrolle sprechen. Die Leute sollen sehen: Das hier auf der Bühne ist mein kleiner Kontrollraum, wo ich diesen Synthesizer-Computer allein mit meiner rechten Hand kontrolliere (macht eine schaltende Handbewegung)- biep, biep, biep - keine großen Apparate um mich herum. Denn genau darüber will ich ja schließlich etwas sagen.