41. Lust: April/Mai 97
 
LUST-Interview mit Corny Littmann
Corny Littmann ist älteren Schwulen aus der Bewegung als unermüdlicher und engagierter schwulen-politischer Aktivist bekannt, mit dem Mittel des Theaters und auch im Zusammenhang der Gründung der Grünen parteipolitisch.
Mit Corny verbinde Ich ein Stück gemeinsame schwulenpolitische Geschichte. Vielen nachwachsenden Schwulen ist er über die Medien als Chef vom Schmidt Theater und Schmidts Tivoli bekannt. Damals lernte ich bei Corny auch Ernie Reinhard und andere interessante Leute kennen.

Als ich in Hamburg zu tun hatte, nutzte ich die Gelegenheit, mich mit Corny zu treffen, der mich auch in eine Aufführung von "Oscar" einlud. Zwei Häuser neben der berühmten Davidswache fand ich die beiden Theater vor, in jedem ist ein Bistro, wo ich die Abende verbrachte. Es gibt hier auch ein Restaurant, das "Schlößchen" und Angie's Nightclub im Tivoli mit Angie Stardust.

Joachim: Ich habe mir überlegt, was vielleicht von Interesse wäre, vielleicht zuerst ein paar Anmerkungen von Dir zu der Produktion, die ich gesehen habe, über deine Theaterarbeit überhaupt. Du hast ja immerhin hier zwei große Häuser. Dann über Schwulenpolitik und ob Du darin noch involviert bist und über Politik allgemein. Was wir eben damals zusammen gemacht haben.

Corny: Aber wir wollen jetzt nicht zwei Stunden reden, oder?

Joachim: Mal sehen, wie es sich ergibt. - Ich habe gehört, daß du schon wieder was Neues produzierst. Der Bernhard Hofman, der eben neben mir gesessen hatte, hat mir erzählt, daß er dort Dein Gegenspieler ist ...

Corny: Er ist mein Mitspieler.

Joachim: Ja, aber er hat die Rolle Deines Gegenspielers? Teilweise auch die Rolle Deiner Ehefrau?

Corny: Er ist die Ehefrau, der Stallbursche und er ist der Fremdenführer, der mich durch Ägypten führt. Und das Ganze heißt ,,Das Geheimnis der Irma Vep" und ist ein Stück, was von einem schwulen Theatermacher namens Charles Ludlam stammt. Ludlam ist Theaterwissenschaftler und der Begründer und Leiter des ,,Ridiculous Theatre" in New York.
Es ist eine Form des intelligenten Tunten-Trash-Theaters, wie es das in Deutschland nicht gibt und für das es in Deutschland auch kein Vorbild gibt. Und dieses Stück ,,Das Geheimnis der Irma Vep" ist eine Parodie auf Vampirfilme und hat als Vorlage und groben Faden den Film ,,Rebecca" von Hitchcock.
Es ist gespickt mit allen möglichen Zitaten, eine sehr abenteuerliche Geschichte, die auf einem englischen Schloß spielt, mit den Hauptfiguren Lord Edgar Hillcrest, seiner neuen Frau Lady Enid, dem Stallburschen Nicodemus Underwood, die Haushälterin Jane und vier weiteren Personen. Die werden alle ...

Joachim:... von zwei Leuten gespielt.

Corny:... von zwei Männern gespielt. Das ist wichtig! Mit einem atemberaubenden Kostümwechsel und einer Geschichte, bei der es sich um Vampire und Werwölfe dreht. Irma Vep ist ein Anagramm für Vampire und sie ist der Geist der ersten Ehefrau des Lords.

Joachim: Wann ist damit zu rechnen, daß ihr das aufführen werdet.

Corny: Wir haben am 10. April Premiere.

Joachim: Und während dieser Zeit spielst du auch ,,Oscar!"

Corny: Wenn ich ,,lrma Vep" spiele, drei Abende die Woche, dann kann ich natürlich nicht auch noch ,,Oscar" spielen. Meine Rolle in ,,Oscar" wird dann von meiner Zweitbesetzung gespielt. Die Aufführung von ,,Oscar" wird im Mai wieder begonnen, bis in den Sommer hinein und dann im Winter wieder gespielt. Und ich spiele ungefähr in der Hälfte der Vorstellungen mit.

Joachim: Wie erfahren nun die LUST-Leserinnen und -Leser, was gerade bei euch gespielt wird?

Corny: Das einfachste ist: Postkarte an Schmidts Tivoli, Spielbudenplatz 27 - 28, 20359 Hamburg. Dann kommt das Programm immer kostenlos ins Haus.

Joachim: Du hast nun hier in Hamburg diese beiden großen Häuser, das Schmidt-Theater und das Schmidts Tivoli. Aber du hast sie nicht alleine.

Corny: Alleine betreiben könnte ich die sowieso nicht. Es arbeiten hier ungefähr 150 Menschen in beiden Häusern. Sowohl in der Gastronomie als auch im Theaterbereich und hinter der Bühne. Ich bin Miteigentümer in beiden Häusern und von meiner Funktion her der künstlerische Leiter in beiden Häusern, zwei getrennten Unternehmen.

Joachim: Ich kann mich ja noch erinnern, als du mit deiner Wanderbühne durchs Land gezogen bist.

Corny: Man sagt auch Tournee-Theater dazu.

Joachim:... und als du noch schwule Agitprop-Stücke gespielt hast. Und diese Arbeit machst du jetzt nicht mehr?

Corny: Wenn man das zehn Jahre lang gemacht hat, das schlechte Essen auf den Autobahnraststätten, die vielen unterschiedlichen Voraussetzungen auf den unterschiedlichen Bühnen, dann hat man das irgendwann einmal satt. Ich habe es dreizehn Jahre lang gemacht. - Die inhaltliche Seite: Die Theater Schmidt und Tivoli wollen kein ausschließlich schwules Publikum ansprechen und sie haben auch keine ausschließlich schwulen Stücke oder Thematiken. Aber sie sind insofern schwule Theater, daß die Besitzer schwul sind und das macht sich in der Programmatik der Theater natürlich bemerkbar. Sie sind auch geschützte Räume. Schwule und Lesben und andere Frauen können sich sicher sein, daß hier keine Scherze auf ihre Kosten gemacht werden.
Das ist bei öffentlichen Räumen in dieser Größe von Bedeutung. Ganz davon abgesehen, machen wir natürlich auch eine Reihe von Veranstaltungen, wo das Schwule schon sehr im Vordergrund steht. Ich bin in erster Linie Theatermensch und natürlich schwuler Theatermensch.

Joachim: Aus der Politik hast du dich auch noch nicht rausgezogen. Ich habe Plakate zugunsten des St. Pauli-Krankenhauses gesehen, mit deinem Bild
.
Corny: Ja, das ist das, was ich politisch mache, daß ich mich als Hamburger Prominenter, der ich ja nun mal bin, für bestimmte soziale Anliegen öffentlich mit einsetze.
So im Falle des Hafenkrankenhauses, das geschlossen worden ist, die Zukunft ist ungewiß, und ,,Hamburg Leuchtfeuer", dem Projekt der Aids-Hilfe Hamburg, zur Errichtung eines Hospizes, das dieses Jahr mit privaten Spendenmitteln gebaut wird und hin und wieder für andere Dinge, wenn ich gefragt werde.

Joachim: Parteipolitik machst du nicht mehr?

Corny: Parteipolitik mache ich schon seit 15 Jahren nicht mehr.

Joachim: Bist du im Zorn damals aus der Politik ausgestiegen?

Corny: Nein, es ist einfach nicht meine Welt. Ich wäre vielleicht kein schlechter Politiker aber ein miserabler Funktionär. Ein Politiker muß auch kungeln können und die ganzen leidigen innerparteilichen Auseinandersetzungen mitmachen können. Und das finde ich für mich selber so unwichtig. Was nicht heißt, daß ich die nicht kenne.

Joachim: Und so eine Witzidee wie z.B. Thomas Ott, der in Stuttgart mal an der Oberbürgermeisterwahl teilgenommen hat. Kann man da vielleicht mit Corny Littmann bei irgendeiner Wahl rechnen.

Corny: Och, wenn es einer Idee dient, dann würde ich da bestimmt mitmachen. Aber um ein konkretes Beispiel zu nennen, wenn es ernsthaft darum geht, ob Rezzo Schlauch oder ein CDUler Oberbürgermeister in Stuttgart wird, dann natürlich nicht.
Ich habe nun Bürgermeister und Senatoren kennengelernt und das ist einfach kein glückliches Arbeitsverhältnis. Schon allein das Aufstehen morgens um 7.00 Uhr, das widerstrebt mir vollkommen.

Joachim: Du bist dir aber doch bewußt, daß du mit der Theatergruppe Brühwarm und anderen Aktivitäten viel in Bewegung gesetzt hast.

Corny: Also, ich mag es eigentlich nicht, in alten Fotoalben zu blättern und ob das, was ich damals gemacht habe, wichtige Anstöße waren, werden letztendlich andere, die die Geschichte schreiben bei meiner Beerdigung vortragen können (er lacht).
Ich habe eigentlich Schwulenpolitik gemacht, weil ich sie für mich für wichtig hielt. Ich mußte schon immer einen sehr persönlichen Bezug dazu haben.

Joachim: In dem Augenblick, wo man etwas macht, tut man es, weil man es für wichtig hält, und ob es eine Bedeutung hat, wird man hinterher sehen.

Corny: Ja, ich beschäftige mich mit den Dingen zu meiner Zufriedenheit und der meiner Mitmenschen. Und wenn dann noch etwas Gutes dabei herauskommt, um so besser.

Joachim: Im ,,Oscar - Die Kinorevue", das Stück, was ich mir heute Abend zusammen mit Bernhard Hofman angesehen habe, reagierst du eigentlich nicht so sehr auf aktuelle Zeitereignisse.
Es ist vielleicht ein intelligentes und gut gemachtes Klamauk-Stück? ...

Corny: Klamauk? Das finde ich aber... finde ich aber ...

Joachim:... nicht nett?

Corny: Das hat mit Klamauk nichts zu tun. Klamauk ist, ich will jetzt keine Namen nennen... Wenn ich sagen würde, die Doofen sind Klamauk, dann wäre das nicht ganz unzutreffend.
Was wir hier machen, das ist eine Aneinanderreihung von musikalischen und textlichen Zitaten aus 101 Jahren Filmgeschichte, die in einer ziemlich abenteuerlichen Geschichte verbraten worden sind, die durchaus ihre humoristischen Aspekte hat. ... Wir wollen ja auch unterhalten.
Wer sich mit Filmen auskennt, wird feststellen daß es sich um eine höchst interessante Satire handelt und das unterscheidet sich doch sehr von dem, was ich unter Klamauk verstehe.

Joachim: Also, im Schlußteil, wo so viele Szenen übereinandergelagert werden, da hat das Stück doch Klamaukcharakter, was allerdings auch durchbrochen wird.

Corny: Tja, aber wir sagen da im Theaterjargon ,,Klamotte" oder ,,klamottig" dazu anstatt Klamauk. Auch eine Klamotte kann man gut oder schlecht machen. Das ist ja im Rahmen einer Geschichte, die erzählt wird, durchaus mit einer inneren Logik verbunden.

Joachim: Aber im Ernst, ich habe das Stück wirklich sehr genossen. Es ist sehr originell, voll von treffenden aber auch bizarren Einfällen.
Ich kann den LUST-Leserlnnen nur empfehlen, sich diese Zeitreise durch die Filmgeschichte anzusehen. Imponiert haben mir die Gesangstimmen und auch euer Orchester. Es ist alles in allem eine großartige Arbeit. - Ich habe schon zum Bernhard gesagt, daß das Schmidts Tivoli von seiner Räumlichkeit her an Reeperbahn-Filme mit Hans Albers erinnert. Und Bernhard meinte, daß Dein anderes Haus, das Schmidt Theater eher wie ein ehemaliges Kino auf ihn wirken würde.

Bernhard: Du kannst dem Christoph von Schwuguntia mal einen schönen Gruß vom Bonner Bernhard ausrichten.

Corny: Wie lebst Du jetzt so? Es ist schon recht lange her, daß ich bei Dir in Wiesbaden war. Gibt es noch viele schöne junge Männer in Wiesbaden?

Joachim: Wir waren als junge Schwule politisch zwar engagiert aber doch recht naiv, ein wenig versponnen, sexbetont und direkt, sahen als Gegner die Moralisten, die Kirche und die CDU und haben recht kreativ und spontan gelebt.
Wenn man so einige heutige junge Schwule charakterisieren wollte, dann müßte man sagen, sie sind smart, geschäftstüchtig, doppelmoralisch, hängen an konservativen Werten, sehen als Gegner andere Schwule, sind vielleicht Mitglied der jungen Union, halten das, wofür wir gestritten haben und was jetzt erreicht ist für selbstverständlich ...

Bernhard: Es gibt aber auch andere ...

Corny: Mitglied der jungen Union? Ich möchte gerne auf diesem Wege ein schwules Mitglied der jungen Union kennenlernen. Unter der Voraussetzung, daß er nicht unattraktiv ist, sich für attraktiv hält und meint, die Begegnung mit mir könne sich lohnen, nicht in finanzieller, sondern in ideeller sowie potentiell sexueller Hinsicht. Eine gewisse Spannung könnte dabei ja ganz reizvoll sein.

Joachim: Während man im Bett liegt, wird nicht über Politik gesprochen. Aber wenn etwas schief läuft, dann ist dies plötzlich politisch.

Bernhard: Glaube ich nicht.

Joachim: Vielen Dank Bernhard, vielen Dank Corny, daß du dir für dieses Gespräch Zeit genommen hast. Wir haben ja bestimmt nahezu zwanzig Jahre nichts mehr voneinander gehört und vielen Dank für den schönen Theaterabend.
Hamburg ist gerade mal vier ICC-Stunden vom Rhein-Main-Gebiet entfernt, da kann man schon mal vorbeikommen.
 
Das Interview für die Lust führte Joachim Schönert