- 38. Lust, Okt/Nov 96
- LUST-Interview mit Lutz van Dijk
- Erstmals organisiert im September/Oktober
eine landesamtliche bundesdeutsche Institution, die Saarländische
,,Landeszentrale für politische Bildung" einen Fachkongreß
zum Thema Schwule im 3. Reich und unterbliebener Wiedergutmachung
in der BRD. Zu diesem Thema habe ich mit Lutz van Dijk in Amsterdam
gesprochen, der am 30.9. auf dem Kongreß zusammen mit Stefan
K., einem polnischen, schwulen NS-Opfer reden wird.
-
- ,,Vergessene" NS-Opfer: Wie geht es
Stefan K., Lutz van Dijk?
-
- (Stefan K. und Lutz van Dijk werden am 30.9.
auf dem internationalen Fachkongreß,,Wider das Vergessen
- die Verfolgung Homosexueller im 3. Reich und die unterbliebene
Wiedergutmachung für homosexuelle Opfer in der Bundesrepublik"
sprechen, den die amtliche Saarländische ,,Landeszentrale
für politische Bildung" in Saarbrücken organisiert.
Daran schließt sich im Oktober eine Lesetour durch Süddeutschland
und NRW an. Stefan K., 71, lebt in Warschau. Dr. Lutz van Dijk,
1955 in Berlin geboren, lebt in Amsterdam ist Jugendbuchautor
und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Anne-Frank-Stiftung.
-
- Dirk: 1991
erschien im Hamburger Rowohlt Verlag dein Buch ,,Verdammt starke
Liebe". Es erzählt die wahre Geschichte des 17jährigen
polnischen Jungen Stefan K., der sich während der deutschen
Besetzung im zweiten Weltkrieg in einen österreichischen
Wehrmachtssoldaten verliebt. Die Gestapo verschleppt beide, foltert
den Jungen und steckt ihn in ein KZ. Stefan überlebt. Als
das Buch in Deutschland erschien, lebte er schwerkrank in Warschau
und wollte anonym bleiben. Was ist seitdem geschehen?
-
- Lutz: ,,Verdammt
starke Liebe" hat in Deutschland inzwischen die 5. Auflage
erreicht und ist an vielen Schulen gelesen worden. Letzten Sommer
erschien es in den USA und bekam sehr gute Rezensionen und einen
Übersetzerpreis. Das war ein Durchbruch. Es kamen Anfragen,
ob Stefan bereit sei, bei Lesungen aufzutreten. So etwas kann
man natürlich nicht machen, wenn man anonym bleiben will.
Ich wußte, daß er seit seiner Lagerhaft gut Englisch
spricht. Nach drei Wochen Bedenkzeit sagte er zu, mit der Bemerkung,
Amerika sei ja weit weg von Polen und Deutschland...
-
- Dirk: Wie war
die Resonanz?
-
- Lutz: Es gab
zahllose Auftritte in Seattle, New York, Los Angeles und Washington,
dazu Fernsehinterviews, auch die Washington Post hat mit ihm
gesprochen. Die viereinhalb Wochen kreuz und quer durch Amerika
sind ein großes Erlebnis in seinem Leben geworden. Als
er zurück in Polen war, fühlte er sich stärker
geworden. Er hat zu mir gesagt: Jetzt bin ich bereit, auch in
Deutschland Lesungen zu machen. Die jungen Leute sollen einen
aufrechten, alten schwulen Mann erleben.
-
- Dirk: Zuerst
Amerika, dann Deutschland - gibt es in den USA eine größere
Sensibilität für solche Themen?
-
- Lutz: Das weiß
ich nicht. Ich war überrascht, mit welchem politischen Bewußtsein
und Enthusiasmus die Veranstaltungen in den USA organisiert wurden.
Auch in Deutschland ist unabhängig von Stefans Geschichte
- mit Historikertagungen und qualifizierten wissenschaftlichen
Untersuchungen viel Aufarbeitung zur Verfolgung Homosexueller
in der NS-Zeit geleistet worden. Es gibt aber leider immer noch
zu wenig authentische, biographische Geschichten - Lebenserinnerungen
von den Betroffenen selbst
- .
- Dirk: Viele
sogenannte vergessene NS-Opfer sind, sofern sie überhaupt
noch leben, bis heute nicht entschädigt worden. Wenn sie,
wie Stefan K., nicht Deutsche sind und in vor der Wehrmacht besetzten
Gebieten ,,geschädigt" wurden, haben sie überdies
gar keiner Anspruch auf Wiedergutmachungsleistungen. Dient Stefans
Reise auch dazu die Diskussion um diesen Skandal wieder anzukurbeln?
-
- Lutz: Das ist
so nicht geplant. Als Stefan in den Jahren 91/92 sehr krank,
teilweise sogar in Lebensgefahr war, habe ich die abweisenden
Stellungnahmen von deutschen Stiftungen, bis hin zum Petitionssausschuß
des Deutschen Bundestages, mit Zorn und Empörung zur Kenntnis
genommen. Man kann sich nicht vorstellen, welche Institutionen
sich alle nicht zuständig fühlten. Wir sind nur gegen
Mauern gelaufen. Ich bin dies inzwischer sehr müde und will
meine Energien lieber darauf verwenden, Stefan wenigstens ein
kleines bißchen an Anerkennung - von Wiedergutmachung will
ich überhaupt nicht reden - in Form von Lesehonoraren zukommen
zulassen. Es soll keine Mitleidstour werden. Ob es möglich
ist, beispielsweise mit Hilfe von Homo-Beauftragten auf Länderebene
über Entschädigungen neu nachzudenken, weiß ich
nicht. So ein Anstoß müßte schon aus Deutschland
kommen.
-
- Die Fragen für die Lust stellte Dirk
Ruder, SCHLIPS