- 36. Lust: Juni/Juli 96
- LUST-Interview mit LIBS, der Lesben-lnformations-und
Beratungsstelle
- In einem Hilferuf wandte sich die Lesben-lnformations-
und Beratungsstelle LIBS in Frankfurt an die Medien. Die CDU-Fraktion
im Römer ist davon überzeugt, daß das LIBS überflüssig
sei. Sie will die Projektförderung für diese Einrichtung
streichen. Zwar regiert die CDU-Oberbürgermeisterin Roth
mit einer rot-grünen Mehrheit im Römer, doch hat das
Abstimmungsverhalten unbekannter Abgeordneter letztlich schon
mehrfach der CDU in die politischen Taschen gespielt. Der Hilferuf
des LIBS war für uns Grund, einige Fragen an die LIBS-Frauen
zu stellen. Für die LUST fragte Joachim, für das LIBS
antworteten Brigitte Müller und Andrea Tacht.
- LUST: Nach der CDU-Fraktion seid ihr also überflüssig.
Demnach wird euer Angebot kaum genutzt?
Andrea: 100 bis 150 Frauen im Monat wenden sich an den
drei Öffnungstagen an die Beraterinnen. Es geht um Fragen,
z.B. nach Therapeutinnen oder explizit um Beratung.
LUST: Das deutet natürlich darauf hin, daß
ihr gebraucht werdet. Bei der Aussage der CDU geht es wohl um
Geld, denn ihr müßt ja wohl die Miete für diese
Räume hier bezahlen und anderes mehr.
Andrea: Wir kriegen Projektförderung von der Stadt
und vom Land. Die Landesförderung bezieht sich nur auf unser
Fortbildungsprojekt in Schulen und im LIBS. Wir besuchen z.B.
Schulen (zusammen mit einem Schwulen von der Schwulen Jugendclique)
und stehen Schülerlnnen Rede und Antwort über alles,
was mit Homosexualität zu tun hat. Das andere sind unsere
Fortbildungen für Multiplikatorlnnen. In diesen Fortbildungen
versuchen wir pädagogischen Fachleuten einen Zugang zu dem
Thema weiblicher Homosexualität zu vermitteln, um diese
zu befähigen, Homosexualität als eine lebbare Lebensform
zu übermitteln und einen Umgang mit diesem Thema zu ermöglichen.
LUST: Kommen die auf euch zu, oder müßt ihr
bei ihnen anklopfen?
Andrea: Wir müssen bei ihnen anklopfen. Demnächst
machen wir wieder mal was für die Pro Familia, die machen
Sexualberatung und da geht es vorrangig um Heterosexualität
und wir meinen, da gehören Bisexualität und Homosexualität
dazu. Und wenn der Rahmen nur heterosexuell ist, dann traut man
sich ja nicht, nach Homosexualität zu fragen.
LUST: Ihr geht an Schulen. Und das geschieht natürlich
zu einer Zeit, wo man gemeinhin am Arbeitsplatz zu sein hat.
Also braucht ihr qualifizierte Leute, die am Tag dazu Zeit haben.
Andrea: Das sind wir.
LUST: Von irgendwas muß man doch leben?
Andrea: Wir sind Honorarkräfte. Wir sind als Studentinnen
eingeschrieben, weil wir für die Sozialabgaben kein Geld
haben und arbeiten 20 Stunden.
LUST: Ihr habt uns auch mitgeteilt, daß ihr ein
Angebot für lesbische Ausländerinnen habt. Es gibt
also eine relativ große Anzahl z.B. türkischer Lesben,
die ...
Andrea: Leider nicht. Wir bieten es jetzt schon im zweiten
Jahr an, und die Nurcan, die das macht, ist jeden Freitag hier.
Und es rufen welche an, sie macht auch Beratung mit türkischen
Frauen, die kommen drei, vier Mal zu Gesprächen, aber daß
eine Gruppe regelmäßig kommen würde, das haben
wir noch nicht. Die kommen auch teilweise aus ihren Familien
abends nicht mehr raus. Und das Angebot besteht, wir haben auch
Flugis in türkischer Sprache. Diese Frauen haben doch noch
andere Probleme als junge deutsche Lesben.
LUST: Ich habe gehört, daß im Ausländerbeirat
von Rüsselsheim fundamentalistische Moslems kategorisch
einen Frauentag im Hallenbad fordern, damit ihre Frauen nicht
von Männern angeschaut werden können, und das hört
sich ja erst einmal vernünftig an. Aber weil das von den
Fundamentalisten kommt, wissen die Linken im Ortsbeirat nicht,
ob sie jetzt dafür oder dagegen sein sollen. Vielleicht
sollte auch eine Lesbengruppe auf türkisch zu dem Frauenbadetag
einladen. (Gelächter)
Andrea: Gehen wir noch mal zurück zu dem Geld. Wir
bekommen den größten Teil von der Stadt, das waren
mal 130.000,- DM, ist jetzt schon geschrumpft auf 105.000,- DM,
und das wird dieses Jahr auf jeden Fall um 10 % gekürzt,
wenn die CDU ihren Antrag nicht durchbekommt.
LUST: Und wenn sie durchkommt, ist es eh aus.
Andrea: Wir haben jetzt wahnsinnig viele Unterstützungsbriefe
bekommen. Was ich interessant finde, zu erzählen, daß
wir bei der CDU wegen unserem Antrag angerufen haben, und da
meinte eine Sprecherin von der CDU, sie würden den Antrag
deshalb machen, weil es kein lesbisches Angebot geben müßte,
lesbische Frauen könnten zur Pro Familia gehen. Hier muß
dann erwähnt werden, daß viele Pro Famila-Mitarbeiterlnnen
Fortbildungen bei uns besuchen, um sich diesem Thema der weiblichen
Homosexualität etwas anzunähern.
- LUST: Mit Pro Familia haben wir in Wiesbaden gute
Erfahrungen gemacht. Bei dem Thema Homosexualität bekommen
die Ratsuchenden das Beratungstelefon der Rosa Lüste genannt.
Andrea: Außerdem, das war die zweite Begründung,
hätten lesbische Frauen heutzutage keine Probleme mehr,
in der Gesellschaft zu leben. Auch sie (ich will jetzt keinen
Namen nennen) habe ihre lesbische Phase gehabt und das wäre
dann wieder vorbeigegangen.
LUST: Ja, das kennen wir. Da hat jemand mal einen homosexuellen
Kontakt gehabt und ist jetzt kompetent, über alles zu urteilen.
Was meint ihr, wird der CDU-Antrag durchgehen?
Andrea: Also, SPD und Grüne haben die Mehrheit und
die unterstützen den CDU-Antrag nicht.
Nachtrag: Brigitte rief uns an und teilte uns mit, daß
der CDU-Antrag nicht durchgekommen sei, daß aber ihr Haushalt
um 10 % gekürzt werde. Sie erzählte uns noch, daß
dies sicherlich durch die große Resonanz auch der Medien
erreicht worden sei. Die Zeitschrift PRINZ habe z.B. vorgeschlagen,
daß Lesben, die Fragen haben, sich in Zukunft an die Oberbürgermeisterin
Petra Roth wenden sollten. Wir von der LUST-Redaktion meinen
auch, daß durch gegenseitige Unterstützung innerhalb
unserer Szene durchaus dafür gesorgt werden kann, daß
keines unserer Projekte den Bach runtergehen muß. Voraussetzung
ist dafür natürlich, daß diese Solidarität
selbstverständlich sein müßte, ohne daß
z.B. persönliche Vorurteile oder unterschiedliche Auffassungen
in einzelnen Fragen durch interessierte Spalter dazu verwendet
werden, im Verein mit den reaktionären Kräften in der
Gesellschaft jahrelange wichtige Arbeit zu liquidieren. Auch
dieses Beispiel hat gezeigt, daß Homosolidarität über
Fraktionsgrenzen hinaus zunehmend wichtig ist.