68. LUST, Oktober/November 01
 
Offener Brief
 
An Herrn
Redakteur Manfred Denker
Redaktionsleiter “RTL extra” Frank Hoffmann
RTL-Television
Aachener Str. 1044
50858 Köln
 
Nachrichtlich: Presseverteiler Tagespresse, lesbischwule Emanzipationsmedien, Sexologie-Fachpublikationen
 
Bezug: Ihren Beitrag “Gigolo-Test” zur Sendung “RTL-extra” vom 1.10.2001 um 22.30 Uhr
Frankfurt, den 24. Oktober 2001
 
Sehr geehrter Herr Denker,
sehr geehrter Herr Hoffmann,
 
kürzlich wurden mehrere unserer Kollegen von ihnen zur Mitwirkung in einer fragwürdigen Fernsehproduktion verlockt. Fragwürdig nennen wir die Sendung, einmal aufgrund der reißerischen bis die Menschenwürde verletzenden Darstellung und ferner wegen der konspirativen Methode, wie sie sich das Bildmaterial beschafft haben.

Mit Hilfe eines Lockvogels wurden am 25. September 2001 mehrere Callboys in ein Frankfurter Hotelzimmer gelockt. Als diese es sich bereits mit ihrem Scheingast gemütlich gemacht hatten, standen Sie mit einem Kamerateam vor dem Lotterbett. Nachträglich haben Sie versucht, unter Ausnutzung dieses Überraschungseffektes dem Callboy die Senderecht für Bilder und O-Töne, die sie bereits mit versteckter Kamera vom Sexarbeiter und ihrer Mitarbeiterin als Scheingast gefilmt hatten, abzuschwatzen, was Ihnen auch bei vier jungen Kollegen gelungen war, die sich nicht geschämt haben, sich vor einem Millionenpublikum quasi von Ihnen ausziehen zu lassen. Sie haben sich zudem nicht entblödet, dies den Youngstern als Werbung in eigener Sache zu verkauen, aber dabei doch wohl wissend, dass sie diese Rohdaten mit einem despektierlichen Kommentar versehen dem Fernsehpublikum präsentieren werden.

Ihr Sendebeitrag bedient sich unseres Erachtens lediglich sog. niederen Instinkte und ist gerade in einer Zeit, wo eine gesellschaftlich-moralische Liberalisierung des SexBiz vom Bundestag legalisiert wurde, unzeitgemäß und erschreckend oberflächlich. Solch reißerischer Boulevardjournalismus unter Vorspiegelung falscher Tatsachen mit Methode der versteckten Kamera führte im vorliegenden Fall zu verzerrten bis entwürdigenden Menschendarstellungen. Die inhumane Missachtung der Intimsphäre der von Ihnen blitzlichtartig Portraitierten erwächst im Besonderen aus der Verschränkung von gespielter Lust auf einen Callboy gepaart mit dem versteckten Willen, es als Redaktionsteammitarbeiter nicht zu Intimitäten mit dem “Probanten” kommen zu lassen (double Bind). Ein positives Gegenbeispiel, wie man hätte das Thema wenn auch “nur” unterhaltend umsetzen können, lieferte am 4.10.01 um 1.30 Uhr die Sendung “peep” mit Verona Feldbusch, wo eine Tantra-Ganzkörpermassage und eine Nacht mit einem Callboy getestet wurden.

Wir erwarten bis zum 1. Dezember 2001 Ihre Stellungnahme, wie sie den vorliegenden Fall beizulegen gedenken. Darüber hinaus behalten wir uns vor, weitere Schritte einzuleiten. Auch eine honorige Tat ihrerseits akzeptieren wir, die die Arbeit eines der unterzeichnenden Projekte unterstützt und uns verdeutlicht, dass es nicht ihre Absicht war, auf Kosten der zwangsgeouteten Menschen skrupellos ihr Medienbussiness durchzusetzen, indem Sie primär finanzielle oder karrieristische Interessen verfolgen. Dennoch haben sie sich mit diesem journalistischen Schnitzer bereits jetzt einen Platz auf unserer schwarzen Liste von Medienvertretern gesichert.
 
Mit freundlichen Grüßen
 
Marc vom Freudenberg - Callboy Connection FFM, Netzwerk männlicher Sexarbeiter Rhein-Main seit 1991, c/o Marc @ KISS, Alte Gasse 37, 60313 Frankfurt/M.
Andreas Kippe - querstrich, Projekt von und für Callboys (in Berlin), querstrich.de, c/o SUB/WAY, Nollendorfstr. 31, 10777 Berlin
Teilnehmer der Jahrestagung des AKSD, Arbeitsgemeinschaft der Stricherprojekte in Deutschland in Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt, Stuttgart und München