Ratschläge einer älteren Fose an eine jüngere
(Fose, das ist ein anderes Wort für Hure)
Wenn ich dir sag, wie man als Fose liebt
So hör mir zu mit Fleiß und ohn Verdruss
Weil ich schon lang durch Kunst ersetzen muss
Was dir die Jugend einige Zeit noch gibt.
Doch wisse dass du desto jünger bleibst
Je weniger mechanisch du es treibst.
 
Mit Faulheit ists bei jedem gleich verhunzt
Riskier nur, dasss er dich zusammenstaucht
Und wenn er, wenn du ihn feckst, dass dir die Fotze raucht
Stinkfaul am Arsch liegt und: „Mehr Demboh!“ grunzt.
Und nennt der Herr die beste Arbeit schlecht
Halt deinen Rand: der Herr hat immer recht.
 
Klug musst du sein, wie Pfaffen, nur genauer
Sie zahlen Dir nicht für dich Bequeme!
Und ihre Schwänze sind für dich Probleme
Genau wie Pfeifen für den Orgelbauer.
Jung ahnt nicht, was alles daran hängt
Doch was ist eine Fose, die nicht denkt?
 
Was seinem Weib nicht frommt, der Frose frommts
Drum - musst du ihn hereinziehn auch am Strick -
Seufz, wenn er drinnen ist: „Ihrer ist dick!“
Und wenns ihm kommt, dann stöhne schnell: „Mir kommts!“
Denn bei den Jungen grad wie bei den Alten
Du musst sie immerfort im Aug behalten.
 
Sag ihm, es macht dich geiler, wnn der Herr
Dein Ohr leckt. Leckt ers, stöhn: „Ich bin so scharf!“
Und glaubt ers, stöhn: „Ich bitt, dass ich mich strecken darf!“
Und dann: Entschuldigen Sie, ich bin so nass parterre.“
Dass ihr ein Herz und eine Seele schient
Er zahlt dafür, dass er dich gut bedient.
Nicht immer ist es schmackhaft, ungesalzen
Sich einen bärtigen Schwanz ins maul zu stecken
Und ihn, als wär es Lebertran zu lecken
Doch oft ists saubrer ihn dort zu umhalsen.
Und er verlangt nicht nur, dass er genießt
Sondern auch, dass du selbst erregt aussiehst.
 
Wenn du es je nicht schaffst, dich aufgeregt zu stellen
Halt deinen Atem an, als sitzt du auf dem Topf
Dann scheints, als steige dir das Blut zu Kopf
Bequemer ists, als wie ein Fisch zu schnellen.
Auch einen sanften Mann kannst du empören
Denkst du an Dinge, die nicht hergehören.
 
Vergiss nicht, dass es sich um Liebe handelt
Vergisst dus doch, so fall nicht gleich aufs maul
Und machen aus dem Saulus einen Paul
Ein Finger im Arsch hat manchen schon gewandelt
Du hast noch nicht erlebt was ihrer harrt
Der Fossen ohne Geistesgegenwart
 
Für unsereinen ist es eine harte Nuss
Sieht sie, dass ihre Fotz zu weit wird (wie bei mir)
So dass ein Mann gar nichts mehr spürt bei ihr
Und sich um den Schwanz ein Handtuch wickeln muss
So eine muss beizeiten daran denken
Ob ihr die Gäule was fürs Vögeln schenken
 
Die Bürgermädchen, die auf Gartentischen
Die älteren Brüder längst zusammenhaun
Machen die Fotzen enger mit Alaun
Um sich für ewig einen Mann zu fiischen.
Wos angebracht ist, richte dich nach denen
Und: was ist eine Fose ohne Tränen?

Sehr viele Männer fögeln gern Gesichter
Das Weib muss oben so wie unten nass sein
Bei einem solchen darf das Weib kein Spaß sein
Ein solcher scheint sich um so ausgepichter.
Vor diesen also heuchle ruhig Qualen
Wos angebracht ist. Denn auch diese zahlen.
 
Der Herr weiß selber selten, was er will
Du musst es wissen! Tritt er in die Kammer
Weißt du: ist er heut Amboss oder Hammer?
Werd ich gevögelt, hält er heute still?
Die Menschen zu erkennen, ist eine Kunst
Das muss so spielend gehn wie ein Brunst.
 
Die schlimmsten Leute sind die klugen Leute
Ich hätt oft lieber doch mit einem Hund geschlafen
Die klugen Leute, du, sind unsre Strafen
Die graben sich ein, das seh ich an mir heute.
Ich selbst, obgleich ich nie, was ich tat, gern getan
Ich tat doch keinem etwas Kluges an.
 
Doch wisse, dass ich selber mich verachte!
Wenn du, nachdem du lustlos unter Männern lagst
Einmal nicht ganz im Dreck verrecken magst
So mach es anders, als ich selbst es machte.
Wenn du einmal was kluges findst, dann tus
Hab ich es nicht geschafft, vielleicht schaffst dus.
 
Bertold Brecht in „Gedichte über die Liebe“,
1982 Farnkfurt am Main
 
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